Die Auswirkungen des Familien-Stellens haben einen kraftvollen, heilenden und friedsamen Effekt in der geistigen Ebene, welcher sich spiegelnd positiv auf den Körper überträgt und auswirkt.

Die Schule und der Geist des Neuen
Der Geist der Schule
Nur selten denken wir darüber nach, wie wir lernen und denken. Die Grundlagen des Lernens in unseren Schulen und Hochschulen beruhen auf dem Geist der Aufklärung. Rene Descartes (1596 – 1650) erhoffte die Befreiung des Geistes durch Trennung vom Körper, was in unseren Klassenzimmern täglich über viele Stunden bis heute praktiziert wird. Isaac Newton begründete die modernen Naturwissenschaften ebenfalls durch Trennung, Reduktion, Isolation und Ausschluss. Dadurch entstanden u.a. der Glaube an den objektiven Beobachter ohne Einfluss auf das Beobachtete, der Wahrheitsbeweis durch gleiche Ergebnisse bei Wiederholungen, die exakte Voraussagbarkeit der Ereignisse bei Anwendung richtiger Formeln.
Auch wenn seit 100 Jahren Quantenphysik, danach Biologie, Neurophysiologie, soziale Netzwerkforschung und Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger auch noch andere Sichtweisen auf die Wirklichkeit eröffnen, scheint in den Schulen und im Alltag das Aufklärungsmodell der Welt aus dem 17. Jahrhundert fest verankert zu sein. Es zeigt sich an der Bevorzugung des Stärkeren, an dem verbreiteten Zwang, besser als andere sein zu wollen, dem Glauben an das Individuum und seinen freien Willen, der Hoffnung auf immer bessere Maschinen. Dementsprechend glauben wir fest daran, dass ein Lernen im Wettbewerb die besseren Ergebnisse bringt. Wir feiern, belobigen und bewundern die Ersten. Über die anderen am hinteren Ende schauen wir zunächst hinweg. Später investieren wir in sie das 3- bis 5-fache in Zusatz- und Aufbaukursen zum Beispiel für Hunderdtausende von Schulabgängern ohne Abschluss.
230.000 Mädchen und Jungen besuchen in Deutschland wegen angeblicher Lernstörung nicht die Regelschule. 80.000 Kinder brachen im Jahr 2004 die Schule vorzeitig ab. Ca. 15 % der 18-24 Jährigen haben keinen Schulabschluss und befinden sich auch nicht in einer Berufsausbildung. 246.000 Berufsschüler sind ohne Abschluss (Quelle: Spiegelonline).
200.000 Kinder bleiben pro Jahr in Deutschland in der Schule sitzen, das heißt, sie werden aus ihrer Klasse ausgeschlossen. Viele Experten scheinen daran zu glauben, dass „Sitzenbleiben“, das heißt Ausschluss aus einer jahrelangen Lern- und Freundesgruppe, das Lernen fördert.
Hinauswurf in der Aufstellungsarbeit
50 Lehrkräfte in der staatlichen Lehrerfortbildung im Saarland sitzen zum Thema „Systemische Zugänge in schulischen Anforderungssituationen“ zusammen im Kreis. Ich bitte um zwei Freiwillige, die in zwei Minuten wortlos das tun werden, was ich ihnen sage. Dann fahre ich mit Erläuterungen zum letzten Thema fort. Nach einigen Sätzen schaue ich die beiden Freiwilligen an und stelle fest, diese beiden seien nicht bei der Sache und würden meinen Darlegungen nicht folgen. Das Lernen mit ihnen mache keinen Sinn. Sie werden aufgefordert, jetzt den Raum zu verlassen. Als sie gegangen sind, fahre ich mit dem Stoff fort, unterbreche nach ein paar Sätzen und frage die Gruppe, wie es den Einzelnen geht.
Was jetzt kommt, ist immer wieder überraschend für alle: einer hat Bauchweh, ein anderer will auch raus, ein dritter ist wütend auf den Vortragenden, einer setzt sich auf den leeren Stuhl, Protest, Aufregung, Lähmung, Trauer, Abwesenheit, unangenehme und meist ganz eindeutige körperliche Empfindungen. Ich frage nach dem Inhalt meiner Sätze, die ich nach dem Hinauswurf vorgetragen habe. Keiner kann sie wiedergeben. Hernach frage ich noch die Zwei vor der Türe, wie es ihnen erging: Zorn, Bitterkeit, Abhauen, Scham, Verzweiflung werden genannt.
Alle staunen über die massiven Emotionen und Blockaden. Obwohl alle wussten, dass es nur ein inszeniertes Spiel war, kam der volle Ernst zum Tragen. Das gleiche Recht auf Zugehörigkeit, von Bert Hellinger als Bestandteil unseres unbewussten kollektiven Sippengewissens erkannt, ist tief in unseren Körpern verankert. In diesem kleinen Experiment wurde auch das Erleben der Verbundenheit als fundamentale Wahrheit unserer Beziehungen zum Mitmenschen und zur Welt gefühlt und ausgedrückt. Wir sind untrennbar mit der Welt um uns verbunden, durch ein unsichtbares Netz verknüpft. Wir reagieren aufeinander, jenseits von Raum und Zeit, wie Familienaufstellungen seit vielen Jahren ununterbrochen zeigen.
Die gleiche Übung gestalte ich oft auch in den Kursen für Unternehmer und Führungskräfte. Zwei Teilnehmer bringen nicht genug Leistung und werden mit dieser Begründung hinausgeschickt.
Schon vor über zehn Jahren hat die Universität in Sankt Gallen in der Schweiz herausgefunden, dass die Entlassungen in den Unternehmen oft nicht die erwünschten und erwarteten Vorteile brachten. Dabei zeigte sich auch, dass Arbeitnehmer, die bleiben durften, keinesfalls dankbar oder motivierter waren, sondern sich eher als verunsichert, weniger einsatzbereit und verdeckt loyal mit den Gekündigten erwiesen. Aufstellungsseminare vermitteln zu diesen Untersuchungsergebnissen, die für die Praxis der Unternehmen weitgehend folgenlos blieben, unmittelbare und eindrucksvolle Erfahrungen bei allen Beteiligten.
Grenzt auch Psychotherapie aus?
Darüber berichtet aktuell die Frankfurter Rundschau am 06.01.2011 unter der Überschrift "Auf dem Weg zum gläsernen Patienten": "Wer in einer Krise professionelle Hilfe nutzt, verbaut sich womöglich die berufliche Zukunft. Wenn jemand eine Psychotherapie macht, kann er zum Beispiel Schwierigkeiten bekommen, verbeamtet zu werden’, sagt Jürgen Hardt, Präsident der hessischen Psychotherapeutenkammer. Soziale Benachteiligung hat er auch bei den Assekuranzen beobachtet. Wer eine Lebensversicherung oder eine gegen Berufsunfähigkeit abschließen wolle, sei gut beraten, eine vorausgegangene Therapie zu verschweigen. Das werde von diesem Jahr an schwieriger. Seit 1. Januar an sollen alle niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten den Krankenkassen exakt mitteilen, warum sie einen Patienten behandelt haben.“
Also nach den klassischen, von den Krankenkassen anerkannten Psychotherapien erfolgen Ausgrenzungen zum Beispiel bei Versicherungen oder Bewerbungen.
Die Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger hat sich von diesen Therapierichtungen längst entfernt, bewegt sich in anderen Feldern jenseits der Vorstellungen von Problem und Lösung, von Diagnose und Maßnahme, dorthin, wo alle gleichermaßen dazugehören und Ausgeschlossene herein finden.
Beispiele zur systemischen Schule
Im Saarland finden Kurse mit Aufstellungen zu schulischen Themen seit über zehn Jahren regelmäßig statt. Seit einigen Jahren werden an den Schulen dieses Bundeslandes sog. Soziale Trainingsräume oder Besinnungsräume eingerichtet. Wenn ein Schüler aus irgendeinem Grund den Unterricht verlassen muss, geht er in diesen Raum. Dort erwartet ihn eine Lehrkraft, die mit ihm ein Konzept zur Rückkehr in die Klasse erarbeitet. Viele Lehrkräfte haben sich weitergebildet, um Schülern auf dem Rückweg in die Klasse beizustehen. Die systemische Pädagogik zeigt, dass es dabei nicht nur um den Schüler, sondern auch um die ganze Klasse und um ihren Lernerfolg geht. In Nordrhein-Westfalen wird an immer mehr Schulen mit dieser Einrichtung auch mit ehrenamtlich geschulten Eltern gearbeitet (Heidrun Bründel, Die Trainingsraummethode, 2004).
Durch diese Hilfestellung lernen die Kinder etwas, das nicht im Lehrplan der einzelnen Fächer steht: das Lösen von persönlichen Konflikten, der Wandel der Einstellungen, das Entwickeln und Umsetzen von Lösungsstrategien, das Leben in gelungenen Beziehungen, Umgang mit Ausschluss und Rückkehr. Für einen späteren Lebenserfolg könnten die Erfahrungen in diesem „systemischen Auszeit-Raum“ eine wesentliche Ergänzung zum Schulstoff sein.
Lernziele und Motivation – was hat Vorrang?
Lernen in unseren Schulen wird mit großem Aufwand organisiert durch
- vorgegebene Lehrpläne und Lernziele;
- -didaktische Verfahren, mit denen der Lehrer die Schüler motivieren und lehren soll;
- Kontrollen und Evaluation, die Rückmeldungen erbringen, Ranglisten unter den Schülern erstellen und die weiteren Schritte steuern sollen.
Auf der anderen Seite steigt die Zahl der sog. Schulverweigerer und nicht beschulbaren Kinder. Ihre Motivation ist bei Null oder im Minus. In Polen hat man für diese Kinder spezielle Einrichtungen geschaffen, wie mir neulich ein dortiger Universitätslehrer in einem Aufstellungs-Kurs erzählte: „Wir wussten nicht mehr, wohin mit diesen Kindern, die an keiner Schule mehr unterzubringen sind. So haben wir für sie Einrichtungen angeboten, in die man kommen darf, wenn man nur irgendwelche Interessen hat, wenn irgendeine Motivation vorhanden ist. Sei es für Fahrradreparatur, Musik oder Angeln. Daran knüpfen dann die Lehrer mit individueller Betreuung und Förderung an.“ Am stärksten war ihm die gute Zusammenarbeit dieser bunt gemischten Schüler nach kurzer Zeit aufgefallen: „Sie gehen erstaunlich gut miteinander um.“
Bei diesen unbeschulbaren Kindern, die sich vorgegebenen Zielen verweigern, steht also ihre eigene Motivation oder ihre innere Bewegung im Vordergrund. Die Lernziele kommen danach. Wie wäre es, wenn wir diese Kinder anschauen würden als „von einer anderen Macht in Besitz genommen und geführt“ (Bert Hellinger, Das Geistigen Familienstellen, 2010)? Wenn wir ihnen beistehen, ohne Angst vor Fehlern oder Ausschluss zu lernen und einer inneren Führung in ihre Zukunft in Verbindung mit der Liebe und dem Leben zu vertrauen?
Ist es der Geist des Neuen, der diese Kinder, die wir Versager nennen und mit Ausschluss bedrohen, ruft und führt? Dieser Geist, der jenseits von falsch und richtig Getrenntes verbindet und Ausgeschlossene hereinholt,?
Ausblick zur Schulentwicklung
Ein Lehrer gab eine Schulaufgabe zurück, in der acht Schüler eine andere als die vorgegebene Lösung gefunden hatten. Er sagte: „Acht von euch sind heute meine Hilfslehrer, indem sie uns bitte ihren Ansatz erklären.“ Es wurde eine spannende und lehrreiche Stunde, in der auch der Lehrer lernte, wie Schüler denken. „Ohne mich geht hier gar nichts“, sagte einmal in einer Aufstellung ein Stellvertreter in der Rolle für die ach so verhassten und gefürchteten Fehler. Und in diesem Sinne können wir auch der Entwicklung einer postmodernen Schule ins Zeitalter nach der Aufklärung vertrauen. Einer Schule, in der auch der Fehler, das Nicht-Wissen, das Vergessen, die Dummheit u.v.a.m. ihren anerkannten Platz haben. Auch die Angst, ein Narr zu sein, blockiert unser Lernen, meinte George Leonhard. So üben wir manchmal in meinen Kursen richtigen Blödsinn, zum Beispiel erfundene Sätze spontan sinnfrei zu beenden, und freuen uns darüber. Die Lernbereitschaft steigt dadurch ganz enorm.
Denn wie sagt immer wieder Bert Hellinger? „Was wir los haben wollen, stärken wir.“ Eine Schule, die sich öffnet statt auszugrenzen, eine Schule in der man sich zum Lernen erholen darf und keine Angst vor Ausschluss haben muss ‒ wohin geht die Entwicklung? Der Beitrag der jetzigen Schulorganisation mit all ihren Bräuchen und die Opfer auf allen Seiten verdienen größte Achtung und Würdigung. Fortschritt geht nur über die Achtung des Vorangegangenen. Unsere Dankbarkeit zu allen Menschen, die sich um unser Lernen bemüht haben, darf noch kräftig wachsen.
In einer Aufstellung vor kurzem bei Bert Hellinger war ich in der Rolle des schlechten Gewissens und wollte zunächst, in einem Anflug von Stärke und Überlegenheit, den Stellvertreter des guten Gewissens von der Bühne haben. Dieser wich keinen Millimeter zurück, wurde sogar immer stärker. Also musste ich meinen Kampf mit ihm aufgeben und ihn nehmen, wie er eben ist. Da wurde er friedlich und zog sich zurück. Erst jetzt konnte ich die noch anwesende Frau auf der Bühne, deren beide Gewissen wir vertraten, sehen und liebevoll in den Arm nehmen. Erst jetzt ging die Bewegung im Guten voran. So hat es des Lernens, dieser wunderbaren menschlichen Eigenschaft, und der Freude daran kein Ende.....
von Günter Schricker
Dozent der Hellingerschule und ehemaliger Lehrer in Bayern