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Ekstasen

Ekstasen beschreiben einen Zustand, in dem wir außer uns geraten. Sie werden von Kräften gesteuert, die von uns Besitz nehmen, sowohl für etwas Zerstörerisches als auch für etwas, das uns in schöpferische Bereiche mitnimmt. Sie lassen uns in Bereiche eintauchen, in denen wir über unser Alltägliches hinauswachsen. Zum Beispiel in den Bereich hoher Kunst, in erhabene Musik, in eine erstaunliche Friedensbewegung oder in eine vieles Bisherige umwerfende Erfindung.
Zwar beobachten wir solche Ekstasen laufend, ohne gewahr zu werden, dass hinter ihnen Kräfte wirken, die unsere gewohnten Grenzen aufheben und mit etwas uns Umfassendes eins werden lässt. Hier hört die Ichbezogenheit auf. Hier herrscht das reine Wir.
Können sie mir folgen? Wollen Sie Beispiele dafür?
Ich beginne mit einem Beispiel, das wir alltäglich erleben, ohne uns über seine Tragweite Gedanken zu machen: Was geschieht zum Beispiel bei einem großen Fußballspiel mit den Zuschauern? Sind sie noch bei sich? Oder sind sie außer sich? Welche Kräfte werden auf einmal freigesetzt, erhabene und rücksichtslose, welche Begeisterung und welche Gewaltbereitschaft? Alle geraten sie in eine Ekstase. Wenn sie aus ihr aufwachen, fragen sie sich: „Wo waren wir? Was hat uns außer Rand und Band gebracht?“
Was wir dabei ebenfalls beobachten, ist: Je größer die Anzahl der Mitgenommenen, desto beeindruckender die Ekstase. In diesem Sinne ist die Ekstase ein Massenphänomen. Dies ist ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Ein anderes Beispiel ist der Krieg.
Mit welcher Begeisterung sind zum Beispiel die deutschen Soldaten in den ersten und zweiten Weltkrieg gezogen? Was hielt sie auch dann noch in Bereitschaft, ihr Letztes zu opfern, als allen bereits bewusst sein musste, dass der Krieg verloren war? Sie waren bis zum bitteren Ende in Ekstase.
Oder nehmen wir die großen Revolutionen. Zum Beispiel die französische Revolution, die kommunistische Revolution in Russland und in China, auch die industrielle Revolution und die Computerrevolution, die viele wie in Ekstase selbstvergessen ans Internet fesselt. Sie alle sind ekstatische Bewegungen, ohne Rücksicht auf die Opfer. Können wir danach jemandem die Schuld geben? Waren die großen Führer bei sich, oder handelten sie in Ekstase, von anderen Mächten besessen, bis sie ihr Werk vollbrachten? Können wir über sie zu Gericht sitzen? Über welche Mächte müssten wir zu Gericht sitzen? Ist hier die Selbstverantwortung nur ein leeres Wort, ohne Bezug zu jenen Mächten, die hier am Werk waren?

Andere Ekstasen

Es gibt jedoch auch andere Ekstasen. Im Gegensatz zu den zerstörerischen sind sie gesammelt. So gelingt zum Beispiel große Musik nur in einer Ekstase, und jede andere große Kunst. Auch diese Ekstasen lassen uns das Alltägliche vergessen. Sie ziehen uns in einen uns bei weitem übersteigenden Bereich, aus dem wir später anders erwachen, als wir vorher waren.
Die Frage ist: Welche Kräfte sind bei diesen Ekstasen am Werk? Sind es die uns im Alltag vertrauten? Oder übersteigen sie diese bei weitem, ohne dass wir uns gegen sie wehren können? Offensichtlich kommen diese Ekstasen aus einem anderen Bewusstsein. Sie kommen  aus einem schöpferischen Bewusstsein, jenseits von Gut und Böse, jenseits von Krieg und Frieden, jenseits unseres Wollens und Könnens. Natürlich stellt sich hier auch die Frage: Sind sie von dieser Welt? Gehören sie zu dieser Welt? Gehören sie zu einer anderen Weite in einen geistigen Raum? Gehören sie in ein anderes Bewusstsein?
Kann ich diese Frage beantworten? Darf ich es, als könnte und dürfte ich es?

Schlussfolgerungen

Was ist die Wirkung dieser Überlegungen auf mich? Was bewirken sie in mir? 
Ich halte mich von Versammlungen fern, in denen ich Gefahr laufe, auf eine Weise in Bereiche mitgenommen zu werden, in denen ich mein Ich verliere, in denen ich in einem konkreten Sinn bewusstlos werde und am Ende weniger als mehr. 
Übrigens verhalten wir uns in vielen Situationen im Alltag ebenfalls wie in Ekstase. Zum Beispiel wenn wir mehr essen und trinken als uns gut tut, oder wenn wir auf andere Weise uns süchtig erfahren. Auch wenn wir uns wie besessen erfahren, zum Beispiel beim Sport oder bei der Arbeit. Die Frage ist: Wie können wir aus diesen Ekstasen aufwachen?
Umgekehrt lasse ich mich willig in andere Ekstasen mitnehmen, in denen ich mich zwar ebenfalls verliere, aber nach ihnen bewusster aufwache, menschlicher und reicher, im Einklang mit einem Bewusstsein, das mich mitnimmt in eine Bewegung, in der ich meine bisherigen Grenzen überschreite und dennoch bei mir bleibe. Wie? Nüchtern.