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Staatlich anerkannte Schul- und Bildungsmaßnahme für Erwachsene

 

Die Hellinger® sciencia Aufstellungen von Bert und Sophie Hellinger werden weltweit durch die Hellinger®schule und ihre Dozenten in der Ausbildung zum „Hellinger sciencia® Aufsteller“ vermittelt. Alle besuchten Kurse von Bert und Sophie Hellinger und der Hellinger®schule werden für die Ausbildung anerkannt.

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2015: Neue Geschichten

Liebe Leser,

2015 ist das fünfte Jahr, in dem Sie hier für jeden Sonntag eines Jahres eine Geschichte finden, die Sie dem Ruhetag entsprechend auf eine Ebene mitnimmt, die Ihnen erlaubt, in der Rückschau auf die vergangene Woche etwas zum Abschluss zu bringen.
Wohin wollen diese Gedanken uns führen? Sie führen in ein Bewusstsein, das eine andere Weite erschließt, jenseits der Gegensätze, mit denen wir zwischen Gut und Böse und zwischen Richtig und Falsch unterscheiden. Mit diesen Unterscheidungen trennen wir vieles, statt es miteinander zu verbinden. Wenn es uns gelingt, jenseits der Gegensätze von „ich hier - du dort“ in Verbindung mit den schöpferischen Kräften hinter allen Gegensätzen zu denken und zu handeln, überwinden wir, was der Einheit entgegenstand. Wir finden zu einer anderen Liebe.

Bert und Sophie Hellinger


Jeden Sonntag NEU!


Dezember 4: Das Ende

Das Ende kommt immer. Die Frage ist: Wie geht es weiter? Ist das Ende zugleich die Vorbereitung auf einen neuen Anfang? Wenn wir vom Ende sprechen, denken wir vor allem an das Ende unseres Lebens. Ist es das letzte Ende, das bleibende Ende? Oder ist es wie alles Frühere, das im Laufe unseres Leben endete, die Tür zu einem neuen Beginn?Dieses Ende, das Ende unseres Lebens, bewegt uns vor allem. Was fürchten wir dabei vor allem? Wir fürchten das Ende unseres Ichs, jenes Ichs, das in diesem Leben das Entscheidende war, auf das wir uns beziehen konnten. Zum Beispiel mit einem Ja oder einem Nein, das also zustimmen oder ablehnen konnte, auch hin auf ein Mehr oder ein Weniger, sogar auf ein Alles oder Nichts.Die Frage ist: Wo läuft dieses Denken und Fühlen ab? Läuft es zum Beispiel auch in unseren Körperzellen ab? Ist für diese beides das Gleiche, das in Erscheinung Treten und das Verschwinden und Aufhören? Oder ist dieses Kommen und Gehen ein ewiges Hin und Her, ohne dass es über die ihm vorgegebene Zeit hinausreicht? Können wir dieses Kommen Leben nennen und das Gehen Tod?
Läuft am Ende auch unser Leben hier auf gleiche Weise ab, wenn wir von unserem Ich absehen? Zählt es hier?Abgesehen von unserem Ich geht alles weiter, und es endet weiter, ohne dass etwas im Ganzen ein Ende findet. Können wir es uns mit unseren Möglichkeiten vorstellen? Wo soll es am Ende hingehen?Die Frage ist: Wie gehen wir mit unseren Erfahrungen von Anfang und Ende auf eine umfassende Weise um, mit dem Ende immer auch den Anfang im Blick? Wir bleiben beim Augenblick, beim Hier und Jetzt, wie es uns erfasst.Fehlt uns der vorangegangene Augenblick? Kümmert uns der nächste, solange wir diesen als voll erfahren?Eine andere Frage ist: Was ist mit unseren Errungenschaften?
Bleiben sie unsere Errungenschaften? Wurden sie inzwischen Teil der Welt, in der wir leben? Sind sieTeil jener Schöpfungsbewegung und ihrem bleibenden Ja, allen gleich gehörend, gleich gekommen und weitergegeben? Die andere Frage ist: Wie gehen wir mit den Errungenschaften anderer um? Gehören sie uns wie unsere ihnen? Hat hier ein Ich Ansprüche, ihr Ich oder unseres? Stellt eine schöpferische Macht an uns Ansprüche, als müssten wir ihr dafür danken? Wie verschroben sind diese Gedanken angesichts der Fülle unseres Universums?

Was bleibt am Ende von jedem Ende? Es bleibt etwas Unendliches ohne Ende – und wir mit ihm.


Dezember 3: Die Ruhe

Die Ruhe wartet. Sie kommt zu ihrer Zeit. Sie ist Anfang und Ende jeder Bewegung, ähnlich wie die Nacht. Jedem fallen nach einer Weile die Augen zu.
In diesem Sinne ist die Ruhe schöpferisch. Aus ihr kommt unsere Bewegung. In der Ruhe wird sie vorbereitet, aus ihr kommt sie ans Licht. Von daher ist die Ruhe dunkel. Um ruhig zu werden, schließen wir die Augen. Auf einmal erfahren wir uns in einer anderen Welt, auch in einem anderen Bewusstsein, in einer andere Tiefe.
Ruhig geworden kommen wir zu uns selbst, vor allem, wenn wir unsere Augen schließen. Wir treten in eine andere Weite, in eine dunkle Weite, von vielem leer, von vielem Verwirrenden leer, denn das Viele und Verwirrende flieht vor dem Dunkel.
In unserer Zeit wurde von dem vielen Licht auch in der Nacht das Dunkel zurückgedrängt und mit ihm die Ruhe. Die tiefe Nacht und das undurchdringliche Dunkel sind einem künstlichen Licht gewichen, so sehr, dass sogar viele Sterne verblassen. Voll scheinen sie für uns allein im Dunkel, in der dunklen Nacht.
Wenn wir bedenken, wie eng wir durch das viele Licht werden, wie hektisch und ruhelos, wo bleibt für uns die sanfte Ruhe, die lange Ruhe, die schöpferische Ruhe? Zur Ruhe werden wir von woanders geführt, von anderen Kräften. Manchmal werden wir zur Ruhe auch gezwungen, vor allem, wenn wir zu weit gegangen sind.
Die Frage ist: Wie finden wir zur Ruhe zurück? Wir finden ruhig zu ihr zurück, mit Abstand, lang-sam gesammelt zurück, allein und dunkel.
Die Ruhe führt uns in unsere Mitte, in unsere schöpferische Mitte. Über die Ruhe, oft über eine lange Ruhe, finden wir zum Einklang mit jenen Kräften, die uns erlauben, aufzuwachen. Sie erlauben uns, wissend aufzuwachen, gesammelt aufzuwachen, etwas Neuem zugewandt mit Liebe.
Die Ruhe ist ganz. Sie ist vollendet, wie es in Der Bibel von Gott heißt, nachdem er in sechs Tagen die Fülle der Welt erschuf. Er segnete den siebten Tag und ruhte an ihm von seinem Schöpfungswerk, so wie wir in seiner Nachfolge am siebten Tag von unseren Werken ruhen.
Hören wir nach diesem Ruhetag von der nächsten schöpferischen Arbeit aus? Erst wieder am nächsten siebten Tag. Wie Gott nach dem Bericht der Bibel am siebten Tag auf sein Schöpfungswerk zurückschaute, schauen auch wir an ihm auf unser Werk zurück mit Liebe und segnen es. Wir segnen es erfüllt.


Dezember 2: Der Ausgleich

Der Ausgleich verbindet. Bei ihm geht es immer um den Ausgleich von Geben und Nehmen. Vor allem in unseren intimen Beziehungen, also in erster Linie zwischen Mann und Frau. Zwischen ihnen ist es ein Ausgleich mit Liebe. Diese Liebe will diesen Ausgleich laufend wiederherstellen, sobald der eine mehr gegeben als genommen hat, und umgekehrt.
Beide Seiten folgen einem inneren Gleichgewichtssinn. Wenn der eine mehr gegeben hat als genommen, lässt der Gleichgewichtssinn beiden keine Ruhe, bis der Ausgleich gelingt.
Bei Liebenden ist es in der Regel so, dass der eine dem anderen mehr gibt, als es der Ausgleich verlangt. Damit „verletzt“ er den Ausgleich. Als Ergebnis verhält sich der andere auf gleiche Weise. Statt nur auszugleichen, gibt auch er dem anderen etwas mehr, einfach um seine Liebe zu zeigen. Der andere antwortet auch auf diese Weise. Statt nur auszugleichen, gibt auch er aus Liebe etwas mehr. So wächst das gegenseitige Geben und Nehmen und damit ihre Liebe und ihr Glück.
Das ist die eine Seite des Ausgleichs, seine liebende Seite. Doch das Bedürfnis nach Ausgleich von Geben und Nehmen führt auch zum Gegenteil.
Wenn der eine den anderen auf eine Weise verletzt hat, die ihm wehtat, will der andere ihn auch verletzen, um das Gleichgewicht zwischen ihnen zurückzugewinnen. Also sinnt er darauf, es dem anderen zurückzuzahlen, um das Gleichgewicht zwischen ihnen für die Zukunft zu sichern.
Wie sieht dies jedoch oft in der Praxis im täglichen Leben aus? Statt lediglich auszugleichen, versucht der in seinem Gefühl Verletzte, den anderen mehr zu verletzen und es dem anderen auf eine ungleiche Weise heimzuzahlen. Er verletzt ihn also mehr als dieser ihn.
Was ist die Folge? Wie finden sie zur ursprünglichen Liebe zusammen? Sie gleichen aus, indem der Verletzte dem anderen etwas weniger wehtut als dieser ihm, gleichsam mit einem Augenzwinkern. Damit beginnt ein neuer Anfang des Austauschs zwischen ihnen, oft ein vertiefter Austausch. Beide wachsen in ihrer Liebe über sich hinaus.
Soweit zum Ausgleich zwischen Ebenbürtigen. Die Frage ist: Welcher Ausgleich ist zwischen Unabhängigen und Abhängigen möglich? Zum Beispiel zwischen Kindern und Eltern? Auch die Kinder haben ein Bedürfnis nach Ausgleich. Wie können die Kinder den Ausgleich mit ihren Eltern erreichen, oder Schüler mit ihren Lehrern?
Hier gilt ein anderes Gesetz. Die Abhängigen gleichen aus, indem sie von dem, was ihnen geschenkt wurde, es überfließend an die von ihnen Abhängigen weitergeben, ohne von ihnen einen Ausgleich zu erwarten. Zum Beispiel an ihre Kinder und an andere Abhängige, die ihre Hilfe brauchen.
Diesen Ausgleich sehen wir bei vielen helfenden Berufen, zu denen auch das Familien-Stellen gehört. Diese Helfer haben auf der einen Seite von Früheren bekommen und genommen, und geben es auf der anderen Seite weiter, beides mit Achtung und Liebe.
Was stört den Ausgleich hier? Oft ist es ein Vorwurf derer, die bekommen haben, an jene, die ihnen überreich gegeben haben, zum Beispiel die Vorwürfe von Kindern an ihre Eltern, als könnten sie sich über sie erheben.
Das Gleiche gilt für unsere Beziehungen zu denen, von denen wir gelernt haben. Was wir von ihnen bekommen haben, geben wir weiter an die, die uns von uns lernen. Wir geben es weiter mit Achtung, ohne die Grundordnung zu verletzen. Zum Beispiel, wenn wir uns an ihre Stelle setzen oder uns über sie erheben. Auch wenn wir über sie hinauswachsen, weil wir zur nächsten Generation gehören, ruhen wir auf ihren Schultern.


Dezember 1: Einfach

Das Wesentliche ist einfach. Es lässt sich mit wenigen Worten sagen, mit einfachen Worten.
Wesentlich ist, was dem einfachen Leben dient und dem einfachen Glück. Von daher ist das wesentliche Leben einfach, auch die wesentliche Einsicht. Sie braucht einfache Worte, für jeden verständlich.
Von daher ist auch die wesentliche Liebe einfach. Oft braucht sie nur den einfachen Blick, den Blick von Herz zu Herz.
Das Gleiche gilt für die einfache Lösung. Sie ist offensichtlich. Deswegen ist sie unmittelbar verständlich, oft sogar einem Kind.
Wovon spreche ich hier? Ich spreche von unseren Beziehungen von Mensch zu Mensch. Sie verbinden uns unmittelbar, ohne Umwege und Umschweife. Manchmal genügt es, dass wir uns die Hände reichen und in die Augen blicken.
Die Umwege sind kompliziert, der direkte Weg ist einfach. Allerdings ist dieser Weg unmittelbar. Das direkte Wort und das klare Ziel sind immer zur Sache, die weiterführt. Zum Beispiel die erfüllte Liebe von Mann und Frau, aus der das nächste Leben wächst. Nichts ist unmittelbarer. Jeder kennt es, jeder weiß es. Niemand braucht es zu lernen. Allerdings nimmt es uns mit in das volle Leben, in die volle Lebenszeit.
Einfach ist am Ende auch das Sterben. Ein letzter Atemzug und schon ist es vorbei, jetzt vorbei.
Was nach ihm kommt, ist ebenfalls einfach, wenn wir nach vorne blicken, nur nach vorne. Und schon werden wir mitgenommen. Wohin, wissen wir hier nicht. Es wird uns gezeigt, wenn es soweit ist, einfach Schritt für Schritt.
Viele machen sich über das, was kommt, Gedanken schon vor der vollen, vor der erfüllten Zeit. Sie versäumen darüber, was an der Reihe ist, jetzt unmittelbar in unserem Blick.
Das Einfache kennt keine Zukunft. Es kennt nur den Augenblick - jetzt.
Das Wort „Endlich“ sagen wir oft in einem anderen Zusammenhang, vor allem am Abend nach getanem Tagwerk. Endlich können wir aufhören und uns erholen. Dieses „Endlich“ können und dürfen wir auch am Ende unseres Lebens sagen. Wir warten auf eine Ruhe nach diesem Leben. Ob dieses Warten berechtigt ist, bleibt ungesagt. Wir wissen es nicht. Vielleicht ist es endlich das Warten auf einen anderen Anfang, auf einer anderen Ebene unseres Da-seins und eines anderen Wissens und Mitgehens, von anderen Kräften mitgenommen und mit ihnen anders eins.
Dieses andere Dasein können wir schon hier vorwegnehmen, wenn wir uns ihm auf eine gesammelte Weise öffnen, für das nächsthöhere endlich bereit.
Dieses Höhere kennt kein Mehr oder Weniger. Es ist vollendet da mit einer umfassenden Liebe. Diese Liebe braucht nicht mehr endlich zu kommen. Sie bleibt. Sie bleibt vollendet, für immer vollendet, mit allem vollendet, mit Liebe vollendet, vollendet am Ziel. Wie? Heiter.


November 5: Die Kritik

Die Kritik hat zwei Seiten, eine freundliche und eine feindliche. Ihre freundliche Seite ist wohlwollend. Sie will dem anderen und einer Sache dienen und schaut mit dem anderen in die gleiche Richtung. Beide gehen Hand in Hand und stehen im Dienst des Friedens. Gemeinsam bringen sie etwas zustande, manchmal auch auf eine schmerzliche Weise, aber immer mit offenem Blick. Ein schönes Beispiel sehen wir, wenn eine Mutter oder ein Vater einem Kind zeigen, wie etwas geht. Sie erlauben ihm, etwas auszuprobieren, zum Beispiel, wie es ein Fahrrad lenkt, ohne zu fallen. Wenn es dem Kind gelingt, sind beide glücklich, vor allem das Kind. Letztlich gelingt jeder Lernprozess auf eine wohlwollende Weise.Die andere Seite der Kritik erfahren wir bei einem sogenannten Kritikern. Er setzt mit seiner Kritik eine Sache und jene, die sie vertreten, herab. Seine Kritik wird zu einer Waffe, mit deren Hilfe er über andere den Stab bricht. Sie dient einer Kriegsführung, oft mit feingeschliffenen Waffen.Obwohl diese Waffe gegen uns gerichtet ist, können und müssen wir an ihr wachsen. Wir und die anderen stehen auf gleicher Höhe. Wenn der eine nachgibt, hat er verloren. Der andere hat gewonnen, so zumindest scheint es.Oft jedoch lässt der, der nachgibt, den anderen ins offene Messer laufen, zum, Beispiel indem er ihn ignoriert. Damit zwingt er ihn, seine Kritik zu verschärfen, bis er mit ihr, indem er sie verschärft, oft sein eigenes Grab schaufelt.Es gibt auch eine wohlwollende Kritik von außen. Zum Beispiel wenn jemand beide Seiten ernst nimmt und beiden Seiten ein anderes Ebenmaß ermöglicht, ohne für eine von beiden Partei zu ergreifen. Als Außenstehender dient er beiden durch eine faire Berichterstattung. Er hat kein Ziel, das über diese hinausgeht. Diese Kritik ist weise und letztlich selbstlos. Er stellt sie in den Raum, ohne Partei zu ergreifen.Dies gilt vor allem. wenn es um die Kritik einer etablierten Gesellschaft oder eines etablierten Lebensmodells geht. Zum Beispiel um eine Religion oder um eine Herrschaftsmodell wie die Demokratie oder eine Dynastie oder um ein Wirtschaftsmodell wie den Kapitalismus oder den Kommunismus. Diese neutrale Kritik lässt nachdenken, ohne dass sie Partei ergreift. Sie dient dem inneren Wachstum. Sie lässt beide Seiten aufatmen.

Die Frage ist: Wie gewinnen wir diese innere Unabhängigkeit und Kraft?

Wir gewinnen sie durch Abstand, sowohl zur einen wie zur anderen Seite, mit dem Blick über beide hinaus. Diese Kritik bleibt selbst-los.


November 4: Geborgen

Geborgen erfahren wir uns als Kinder in den Armen unserer Mutter. In ihnen vergessen wir, was uns unheimlich schien und von dem wir uns bedroht fühlten.
Später, als Erwachsene, suchen wir mit einem Partner für uns und unsere Kinder ein trautes Heim, in dem wir uns geborgen fühlen. In dieses Heim kehren wir am Abend von unseren Geschäften zurück, um uns im Kreis unserer Lieben zu erholen, bis uns die Nacht und der Schlaf überwältigen und wir in eine andere Welt eintauchen, manchmal bedrückend, doch bis zum Morgen in ihr geborgen.
So geborgen fühlen sich viele in der Gemeinschaft von Gleichgesinnten, in dem Volk und Land, dem sie angehören, und in einer gemeinsamen Kultur und Sprache. Überall gibt es jemanden, der seine Hand über uns hält und dem wir folgen dürfen. Zum Beispiel unserem Arbeitgeber.
Geborgen fühlen wir uns vor allem in einem engeren überschaubaren Rahmen mit Gleichgesinnten, aufeinander angewiesen sind und füreinander da. Wenn wir versuchen, diesen geborgenen Rahmen zu verlassen und gegen die Bedingungen verstoßen, denen wir uns unterwerfen müssen, erfahren wir uns ungeborgen und verloren.
Geborgen fühlen wir uns, wenn wir in unserer Seele wahrnehmen, wie wir laufend von anderen Mächten auf eine Weise am Leben gehalten werden, die unserem Denken und unseren Ängsten unbegreiflich bleiben.
Oft machen wir uns Sorgen, weil wir woanders Sicherheit suchen, oft mit Versuchen, unser Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

Rainer Maria Rilke sagt dazu in seinem Gedicht Der Schauende.

Wie ist das klein, womit wir ringen,

was mit uns ringt, wie ist das groß:

ließen wir, ähnlicher den Dingen, 

uns so vom großen Sturm bezwingen, ‒

wir würden weit und namenlos.

 

Was wir besiegen, ist das Kleine,

und der Erfolg selbst macht uns klein.

Das Ewige und Ungemeine

Will nicht von uns gebogen sein.

 

Das ist der Engel, der den Ringern

des Alten Testaments erschien:

Wenn seiner Widersacher Sehnen

im Kampfe sich metallen dehnen, 

fühlt er sie unter seinen Fingern

wie Saiten tiefer Melodien.

 

Wen dieser Engel überwand,

welcher sooft auf Kampf verzichtet,

der geht gerecht und aufgerichtet

und groß aus jener harten Hand,

die sich, wie formend, an ihn schmiegte.

Die Siege laden ihn nicht ein.

Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte

von immer Größerem zu sein.


November 3: Daneben

Manche stehen neben einem halb verfallenen Bahnhof, schauen auf halb verrostete Geleise und warten auf einen Zug, der schon seit langem nicht mehr kommt. Sie stehen und warten daneben, lange daneben.
Was  hält sie dort lange vergeblich daneben? Es ist eine verborgene Hoffnung, dass die Zeit rückwärts läuft, wieder rückwärts, und Früheres nochmals von vorne beginnt.
In einiger Entfernung, in Sichtweite, läuft ein Gleis mit Hochgeschwindigkeitszügen, ohne eine Haltestelle in Sichtweite. Sie halten an einem Bahnhof mit Verbindungen in vielerlei Richtungen, auch zu einem Flughafen mit Verbindungen zu den großen Städten dieser Welt, alle innerhalb eines Tages erreichbar. Hier ist nichts daneben, alles bleibt beim neuesten Stand.
Daneben sind wir mit unseren Illusionen. Wir halten an ihnen fest, auch wenn sie längst überholt sind. Die Wirklichkeit ist an ihnen vorbeigezogen.
Die Frage ist: Wie bleiben wir im Einklang mit dem Wesentlichen, mit dem, wohin es uns mitnimmt, in jedem Moment anders und neu. Wir bleiben mit ihm im Einklang in mit dem Blick nach vorn auf das Nächste hin, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Alle Schritte, die weiterführen, gehen nach vorn, immer nach vorn.
Das gilt ebenfalls für die Liebe. Es gibt keine alte Liebe, höchstens die Erinnerung an sie. Wirksam wird sie nur neu und jetzt. Daneben greifen wir oft, selbst wenn das wesentlich Nächste uns klar vor Augen liegt. Wieso? Weil wir an etwas festhalten, das die vorauseilende Zeit hinter uns ließ.
Daneben sind wir auch oft mit unserem Bedauern. Jede Wehmut ist daneben.
Anders ist es mit der Trauer, die Abschied nimmt. Sie führt weiter. Die Trauer, die weiterführt,  bleibt ohne Wehmut. Sie blickt nach vorn.
Daneben erweist sich der Hochmut. Er rostet schnell. Er lebt vom Rückblick und der leeren Hoffnung.
Daneben straucheln wir leicht. Es wird, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen, auf einem Boden, der trägt. So auf dem Boden sind wir nie daneben. Auf ihm werden wir von einer Mitte gehalten, die alles an sich zieht. Daneben heißt daher vor allem, wir haben unsere Mitte verloren, unsere innerste Mitte. Nur in ihr bleiben wir gegründet.
Wir kommen in diese Mitte zurück, notwendig zurück, wenn wir von ihr abgewichen sind, wenn wir meinten, von ihr abweichen zu können. Jedes Daneben muss zu ihr zurück.
Allerdings nicht immer in diesem Leben. So daneben dieses Leben in vieler Hinsicht gewesen schien, die Schwerkraft unserer Mitte hält sie im Lot.
Die Frage ist: Wie bleiben wir im Lot? Wie kommen wir wieder ins Lot?
Wir kommen in unser Lot gesammelt zurück, und wir bleiben in ihm gesammelt. Wie? Einfach da, im Augenblick da, mit allem gemeinsam da, liebend da.


November 2: Heimgesucht

Heimgesucht werden wir von einem Unglück, oft auch von einer Krankheit und einem Schicksalsschlag. Dann stellen wir uns vor, dass größere Mächte, die unser Wollen und unsere Pläne bei weitem übersteigen, bei uns Einkehr halten und uns einzuhalten zwingen, weg von dem, was wir uns vorgenommen hatten, als hätten wir es in unserer Hand.
Dies gilt sowohl für uns persönlich als auch für jene, die uns nahestehen, die unser Leben mit uns teilen. Also vor allem für unseren Lebenspartner und unsere gemeinsamen Kinder. Aber auch schon früh, wenn wir unseren Vater und unsere Mutter für immer verloren.
Heimgesucht werden wir mit vielen anderen gemeinsam von einer Katastrophe, die viele in den Tod reißt, zum Beispiel ein verheerendes Erdbeben oder ein Krieg, dem wir schutzlos ausgeliefert werden mit Folgen für eine lange Zeit.
Dann fragen wir uns: Welche Mächte waren hier am Werk? Oder auch: Wie konnte Gott es zulassen, wie konnte Gott uns auf diese Weise heimsuchen? Und wir beginnen an ihm zu zweifeln. Heimgesucht werden wir auch von einem unverhofften Glück. Es läuft uns über den Weg zur rechten Zeit.
Ist die eine Heimsuchung von der anderen verschieden, oder kommen sie beide aus der gleichen Hand, aus einer ewigen Hand? Werden wir von ihr weit über das hinaus heimgesucht, das wir erträumt oder auf das wir angstvoll gewartet haben?
Die Welt wird laufend von Mächten heimgesucht, die sich unseren Vorstellungen entziehen, auch unseren Erwartungen und unseren Ängsten. Die Frage ist: Wie gehen wir mit diesen Mächten um? Wie stellen wir uns auf sie ein?
In erster Linie gehen wir mit ihnen gelassen um, denn offensichtlich leben wir im Augenblick eines von vielen Leben, ohne zu wissen, welches uns aufgetragen und vorgegeben wurde. Doch keines von diesen Leben ist verloren oder vergebens. Alle schwingen mit einer uns ins Unendliche übersteigenden Bewegung.
Im üblichen Sinne heimgesucht erfahren wir uns im Blick auf das Nahe, auf ein kleines Nahe. Im Blick auf das Viele vor uns und nach uns lassen wir von unseren Vorstellungen über das Unmittelbare los und werden über alle Grenzen hinweg weit, unendlich weit.
Mit unserem Blick über das unmittelbar Nahe hinaus werden der nahe Schmerz, die nahe Angst, die jetzige Furcht in eine andere Weite mitgenommen, in eine leichte Weite, in eine glückliche Weite, in ihr schon jetzt für immer daheim.


November 1: Die Brücke

Wir überqueren eine Brücke, um von einem Ufer an das andere zu kommen. Die Brücke verbindet, was voneinander getrennt war. Von denen, die zwei getrennte Ufer miteinander verbinden und versöhnen, sagen wir, sie seien Brückenbauer in einem umfassenden Sinn.
Welche Ufer warten lange darauf, dass eine Brücke sie endlich miteinander verbindet, sodass der Übergang vom einen zum anderen Ufer beiden Seiten leicht fällt? Wie nennen wir die voneinander getrennten Ufer, die schon lange darauf warten, dass eine Brücke sie zusammenführt, sie für immer zusammen führt? Wir nennen sie Gut und Böse, oder Richtig und Falsch, oder Gerecht und Ungerecht, oder auch Krieg und Frieden. Wir nennen sie auch Himmel und Hölle.
Auf was warten die verschiedenen Religionen vor allem, auf was die unterschiedlichen Weltanschauungen und Herrschaftssysteme wie zum Beispiel der Kapitalismus und der Kommunismus und die Demokratie und der Despotismus?
Sie warten auf die Brückenbauer, die die getrennten Ufer überbrücken und sie miteinander auf eine friedliche und liebende Weise zu einer Einheit verbinden.
Eine Methode, die diese Brücken schlägt, ist das Familien-Stellen, allerdings das von einer geistigen Macht geführte Familien-Stellen. Das heißt, alle Beteiligten warten auf die Führung einer geistigen Macht, ohne dass sie versuchen, ihr zuvorzukommen mit eigenen Vorstellungen oder Wünschen und sich damit an deren Stelle zu setzen.
Wie gelingt uns dieser Brückenbau? Er gelingt uns über den phänomenologischen Erkenntnisweg, wie ich ihn am Beispiel des Gewissens beschrieben habe. Er beginnt damit, dass wir uns von jeder Absicht zurückziehen, vor allem von den Absichten und Anliegen, die andere an uns herantragen.
Was ist hier der erste Schritt? Der Aufsteller wählt aus der Gruppe von denen, die ein Anliegen haben, jemanden aus, der bereit ist, über das Familien-Stellen ein Problem zu lösen. Ich beginne also in der Regel damit, dass ich den Teilnehmern sage, dass die, die mit mir nach einer verbindenden Lösung suchen, die Hände heben. Aus diesen wähle ich jemanden aus und bitte ihn, sich neben mich zu setzen. Ich kenne diese Person noch nicht. Ich weiß auch nicht, was ihr Anliegen ist.
Wieso habe ich gerade diese Person gewählt? Ich bin innerlich dem phänomenologischen Erkenntnisweg gefolgt. Das heißt, ich habe mich allen, die sich gemeldet haben innerlich ausgesetzt, ohne eigene Absicht und ohne ein Gefühl entweder dafür oder dagegen.
Plötzlich bekomme ich von woanders her einen Hinweis, welchen der Teilnehmer, die sich gemeldet haben, zu mir rufen darf und muss. Diese Einsicht wurde mir also von außen geschenkt.
Hier kann ich erwähnen, dass sich auf einmal zeigt, dass die Anliegen dieser Person und der Weg, wohin er in der Aufstellung führt, weit über sie hinaus für alle Teilnehmer bedeutsam wird, dass also über diese phänomenologische Vorgehensweise viele zugleich auf eine andere Ebene des Bewusstseins mitgenommen werden.
Das also ist der erste, der grundlegende Schritt in der Anwendung der phänomenologischen Vorgehensweise auf das Familien-Stellen.
Diesem ersten, folgt ein zweiter Schritt ebenfalls phänomenologisch. Ich sammle mich innerlich. Ich setze mich dieser Person aus, wie sie ist, ohne von ihr etwas zu wissen und ohne sie zu fragen, und warte, bis mir von woanders her ein Hinweis kommt. Oft ist es nur ein Wort oder ein kurzer Satz.
Ich bitte die Person, ihre Augen zu schließen. Dann sage ich dieses Wort und diesen Satz und bitte sie, diesen auf sich wirken zu lassen.
Dieses Wort oder dieser Satz kann nicht von irgendeiner Vorstellung abgeleitet werden. Es wird mir von woanders her eingegeben und geschenkt.
Weil dieser Satz unmittelbar von woanders her kommt, ohne dass er sich auf etwas Konkretes bezieht und davon abgeleitet werden kann, ist es ein Satz der über die einzelne Person, die neben mir sitzt, weit hinausgeht. Er wird allen Teilnehmern ebenfalls gesagt und bewirkt etwas Weiterführendes auch in ihnen. Auch sie schließen die Augen und lassen ihn innerlich auf sich wirken.
Manchmal genügt dieses Wort und dieser Satz, ohne dass ich mit einer Aufstellung weiterfahre. Das war also ein zweiter Schritt mit Hilfe der phänomenologischen Vorgehensweise, jenseits der von uns gewohnten. Bisher wurde der Klient in keiner Weise persönlich miteinbezogen, außer vielleicht mit der Frage, ob ihm das genügt? Wenn er das bejaht, ist die Arbeit abgeschlossen, sowohl für ihn als auch für die Teilnehmer, als auch für den Aufstellungsleiter.
Für alle wurde er wichtig, ohne dass er benutzt werden musste, außer mit diesem einen Wort oder Satz, der phänomenologisch, also unmittelbar ohne eine konkrete Situation ans Licht kam.
Nun stellt sich natürlich die Frage: Was ist mit einer Aufstellung? Hat sie noch Platz?
Sie hat einen Platz, wenn sich zeigt, dass sie als nächster Schritt angebracht und notwendig wird. Wie? Auch hier phänomenologisch, also ohne konkrete Absicht und ohne konkrete Vorgaben. Wie sieht also hier eine phänomenologische Aufstellung aus? Von den vielen Vorgehensweisen die dabei ans Licht kommen können, wähle ich eine aus, eine mögliche. Wieder warte ich, bis ich von woanders her einen Hinweis bekomme.
Ich wähle einen Stellvertreter für diese Person aus, entweder einen Mann oder eine Frau. Ich bitte sie, sich hinzustellen ohne etwas zu sagen, außer dass sie sich völlig der inneren Bewegung überlässt.
Auf einmal kommt über die Bewegungen dieser Person etwas Entscheidendes ans Licht. Sie schaut zum Beispiel auf den Boden und geht selbst zu Boden, als wolle sie zu einem Toten. Plötzlich kommt also über diesen Stellvertreter ans Licht, dass der Klient oder die Klientin sterben will. Zählt dann etwas anderes noch? Das Entscheidende hat sich aus der Fülle von Möglichkeiten gezeigt. Es hat sich phänomenologisch gezeigt. Muss danach noch etwas für den Klienten getan oder ihm gesagt werden? Würde es eher etwas zunichte machen, statt ihm weiterzuhelfen?
Das Gleiche gilt für die anderen Teilnehmer der Gruppe, die innerlich in diese Bewegung mitgenommen wurden. Hier wurde die entscheidende Brücke gebaut, die Brücke vom nahen Tod hinüber zum Leben das weitergehen will und weitergehen darf.


Oktober 4: Vorüber

Am 18. September 2013 starb  Marcel Reich-Ranicki im Alter von 93 Jahren. Er war der größte und einflussreichste Kenner der deutschen Sprache und der deutschen Literatur. Zugleich war er ein Pole. Er hat das Warschauer Getto überlebt und er blieb ein Pole. Sein Name Reich-Ranicki, ein Doppelname, ist sowohl deutsch als auch polnisch. Sein Tod hat mich tief bewegt.
Vor kurzem, in diesem Jahr, hielt ich einen Kurs in Bratislava in der Slowakei. Er wurde auch von Anna Choinska besucht, die diesen Kurs organisiert hat.
Im Kurs in Bratislava gab es eine denkwürdige Aufstellung, in der es im Anschluss an eine Meditation um eine denkwürdige Aufstellung ging. Anna konnte nicht zustimmen, dass es eine Aussöhnung unter Gleichen gibt, die sich als ebenbürtig anerkennen, jenseits der Unterscheidung von Gut und Böse und der Unterscheidung von Tätern und Opfern.
Ich habe ihr angeboten, das aufzustellen, jedoch ohne Worte. Ich wählte sie als Stellvertreterin für Polen und die Polen, einen deutschen Teilnehmer als Stellvertreter für Deutschland und die Deutschen und stellte sie einander gegenüber.
Die Stellvertreterin für Polen und die Polen fing laut an zu schluchzen und zu schreien. Als Antwort auf ihr Weinen und Schreien brach auch der Stellvertreter für Deutschland und die Deutschen in ein herzzerreißendes lautes Weinen aus. Auf beiden Seiten flossen die Tränen in Strömen. Polen ging langsam auf Deutschland zu und beide umarmten sich innig.
Nach der Aufstellung saß Anna neben mir und ich sagte zu ihr: Jetzt kann ich wieder nach Polen kommen. Das ist der Anlass, warum ich heute wieder vor euch stehe. Ich stehe hier als ein Bote des Friedens und der Versöhnung. Seit meinem letzten Hiersein, hat sich das Familien-Stellen in vielerlei Weise weiter entwickelt, vor allem durch die gemeinsame innere und äußere persönliche Weiterentwicklung, sowohl von mir als auch von meiner Frau Sophie.
Wir wurden sowohl einzeln als auch zusammen in eine andere Weite geführt. Von daher heißt der Titel dieses Kurses auch: Wege in eine andere Weite. Die Frage ist: Wohin führt uns diese andere Weite? Sie führt uns in ein anderes Bewusstsein.
Was ist das für ein Bewusstsein? Es führt uns in einen weiten Raum jenseits von Gut und Böse, jenseits von Freund und Feind, jenseits von Krieg und Frieden und jenseits von Besser oder Schlechter. In diesem Sinne führt es uns jenseits der Grenzen unseres Gewissens und jenseits der Grenzen von Angenommen oder Ausgeschlossen. Diese Weite versöhnt.
In diesem Sinne überschreitet das Familien-Stellen die Grenzen unserer Herkunft, also die Grenzen unserer Heimat und unserer Sprache und Kultur.
Auf eine eindrucksvolle Weise erleben dies die Teilnehmer an unseren internationalen Camps in Bad Reichenhall. Zu ihm kommen Teilnehmer aus vielen Ländern, zum Beispiel neben Deutschland und Österreich, auch aus den Spanisch sprechenden Ländern wie Spanien, Mexiko, Argentinien, Kolumbien und Venezuela. Weiterhin Teilnehmer aus Italien, vor allem viele Russisch Sprechende aus Russland und der Ukraine, aber auch Teilnehmer aus der Türkei, China und Japan und Englisch Sprechende aus vielen Ländern wie den USA.
Alle Teilnehmer erleben diese Vielfalt als eine besondere Bereicherung. Von daher sind diese Camp auch für euch aus Polen ein besonderes Angebot und Erleben.
Für alle diese Sprachen gibt es eigene Übersetzer und die Teilnehmer können über Kopfhörer das Gesehene unmittelbar in ihrer Muttersprache verfolgen.
Obwohl dieser Kurs hier sich auf die Sprachen Deutsch und Polnisch beschränkt, nehme ich euch dennoch in diese andere Weite mit. Wie? Im Dienst des Friedens auf allen Ebenen, die persönliche Ebene, die Ebene unserer intimen Beziehung und die alle Grenzen übersteigende Weite einer alles umfassenden Liebe, die alle miteinander verbindet von gleich zu gleich, die sie glücklich verbindet.


Oktober 3: Genau

Das Genaue trifft ins Schwarze. Bei ihm hören die Abweichungen auf. Das Genaue ist das Ergebnis langen Lernens und eines grundlegenden Verzichts, des Verzichts auf das Vielerlei und auf das Ungenaue.             Dies gilt vor allem für unsere Sprache. Sie ist auf der einen Seite vielfältig. Das heißt, das gleiche Wort kann mehrere Bedeutungen haben, oft auch entgegengesetzte, denn jedes unserer üblichen Worte hat eine lange Geschichte, eine lebendige Geschichte. Sie ist die Aura, die unsere Worte umhüllt. Von daher wird unser Wort genau, wenn seine Geschichte umfassend mitschwingt und dennoch das Entscheidende aussagt und trifft. Zum Beispiel in einem der großen Gedichte, in dem jedes Wort zum anderen passt und sie gemeinsam und zusammen das Genaue sagen, oft auch durch ihren Reim und ihre Melodie. Zum Beispiel Goethes Gedicht:

Über allen Wipfeln

Ist Ruh,

In allen Gipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

Können diese Worte reicher sein und zugleich genauer? Das Genaue, das genaue Wort, ist immer statt weniger mehr. Dieses Wort ist gesammelte Fülle.
So ergeht es uns ebenso mit unserem Gefühl. Das genaue Gefühl ist rein. Es berührt unmittelbar. Dennoch schwingt in ihm ein tiefer Reichtum und eine lange Erfahrung. Zum Beispiel im Wort und im Gefühl Liebe. Doch nur wenn beide, das Wort und das Gefühl genau sind, auf das Entscheidende ausgerichtet, ohne etwas hinzuzufügen oder auszulassen.
Genau ist die Hilfe zur rechten Zeit. Sie berührt den genauen Punkt und findet das genaue Wort. Zum Beispiel das Wort „Stopp“. Auf einmal löst sich etwas, eine alte Fessel. Unsere Arme breiten sich aus.
Das Genaue beginnt mit dem genauen Blick, der nach vielem Hin und Her das Entscheidende erfasst und ihm standhält, ohne von ihm abzuweichen.
Überhaupt ist die Abweichung der Feind des Genauen, jede Abweichung sei sie auf Mehr oder auf Weniger. Die Fülle liegt beim Genauen.
Das Genaue gelingt uns über den Abschied vom Vielen, über den Verzicht auf das Überflüssige und mit dem Mut, bei Genauen zu bleiben, was immer es uns am Ende abverlangt. Hier ist das Genaue unsere gesammelte Kraft.
Um was haben sich hier meine Gedanken gedreht? Sie haben sich über etwas Vieles gedreht, das darauf wartet, dass ihm das Genaue offenbart wird, so wie mir, als ich dieses Kapitel zu schreiben begann.
Während ich schrieb, wurde das Wort „Genau“ immer größer und reicher und mit ihm meine Achtung vor ihm. Zugleich setzte ich mich der langen Geschichte dieses Wortes aus. Zum Beispiel in der Philosophie, in der Theologie, in den Naturwissenschaften und vor allem in der Medizin. Aber auch in den Bewegungen, die zu verheerenden Auseinandersetzungen geführt haben, weil sie über das Genaue und damit über das Mögliche hinauswollten. Das Genaue ist der Kern jeder Bewegung des Friedens. Der Kern ist das Genaue für vieles. Er führt und hält zusammen, denn er ist bescheiden.
Habe ich das Entscheidende über das Genaue gesagt? Hat es in uns etwas Genaues bewirkt, etwas Reiches und Tiefes? Hat es etwas Friedliches und Bescheidenes bewirkt und dennoch das, was weiterführt in eine andere Fülle?
Hier höre ich mit diesen Betrachtungen auf. Wie? Zur rechten Zeit ‒ genau.


Oktober 2: Verschoben

Verschoben heißt: Wir verschieben etwas, das zusammengehört, in einen anderen Zusammenhang. Zum Beispiel die Liebe verschieben wir in Besitz, oder den Besitz in das Glück. Alles, was außer Rand und Band gerät, ist verschoben, weg vom Leben auf den Tod. Die Frage ist: Wo bleibt hier das Leben?
Es muss von den Toten wiederauferstehen. Zum Beispiel in dem das Töten aufhört und neues Leben beginnt.
Der Friede bringt das Verschobene zusammen, wieder auf seinen rechten Platz, auf den Platz des Lebens.
Alles Verschobene verwirrt. Es stellt das Rechte auf den Kopf. Die Frage ist: Wo beginnt die Rückkehr des Verschobenen in seine Ordnung, in die Ordnung des Lebens und der Liebe?
Seltsamerweise beginnt sie mit einem umfassenden Verlust. Sie beginnt auf einem Schlachtfeld. Für das Schlachtfeld gibt es kein Gegenüber, sondern nur ein Ende, ein schmerzliches Ende. Von daher führt jeder Sieg zu einem neuen Krieg, zu einer weiteren Schlacht. Die Frage ist: Wo beginnt die Verschiebung mit ihren verheerenden Folgen?
Sie beginnt im Mehr statt im Gleich. Sie beginnt beim Ich statt im Wir. Erst am Ende des Ichs wird aus dem Ich wieder ein Wir, ein gemeinsames Wir. Dieses Wir ist das Ende des Unrechts auf allen Ebenen. An die Stelle des Unrechts tritt die Liebe, eine vergessliche Liebe. Statt zurück schaut sie einzig nach vorn.
Das Jetzt können wir verschieben, doch niemals die Zukunft, die auf uns wartet. Sie setzt sich durch.
Wie beginnen wir mit der Ordnung des Friedens und wo? Wir beginnen mit ihr in unserem Herzen, einsam und still. Wir setzen uns seiner Unordnung aus, allem, was in entgegengesetzte Richtungen drängt, vor allem in die Richtungen von Richtig und Falsch. Wir stellen uns vor, diese Richtungen gehen in unserem Herzen langsam aufeinander zu. Erst zögerlich, dann entschlossen, immer den oder das Andere im Blick, ohne an ihm vorbei oder zurückzuschauen.
Auf einmal fällt von beiden Seiten etwas Widerliches ab, wie ein falsches Gewand. Beide stehen auf einmal nackt voreinander, nur nackt. Hier ist nichts verschoben, alles erscheint, wie es ist, offen, unmittelbar. Können wir noch etwas verstecken? Irgendeine Größe oder einen Mangel? Irgendein Besser oder eine Schuld?
So auf uns zurückgeworfen, auf das Einzige und Wesentliche, was zählt, halten wir in unserer Bewegung inne und staunen. Wir staunen über unsere Verschiebungen und ihre Folgen. Die Frage ist: Sind wir es persönlich, die sich so verschoben erfahren? Oder sind es andere, die über uns etwas erreichen wollen und etwas altes Verschobenes nachträglich noch einmal aufnehmen und durchzusetzen versuchen? Kein Wunder, dass wir uns ebenfalls daneben und aus dem Lot erleben.
Doch es bleibt uns ein grundlegender Weg, das frühere Verschobene zurückzulassen. Wir gehen innerlich in jene Leere, in jene ursprüngliche Leere, die nichts Verschobenes kennt. Verschoben werden kann nur, was bereits da ist und an das wir selbst Hand anlegen können.
Doch diese Leere wirkt. Sie ist mächtig vor allem, was aus ihr ans Licht kommt. Diesem Licht folgen wir, ohne von ihm abzuweichen, immer soweit, als es für uns leuchtet, und für jene, die uns gegenüberstehen.
Was geschieht dann mit uns? Wir bleiben in unserer Mitte und über diese Mitte hinaus in der Mitte von jedem Leben, gesammelt, wach, zugewandt, ihr hingegeben, nur ihr.
 Wer wendet sich uns dann ebenfalls zu? Jene, die uns nackt gegenüberstehen und wir ihnen, mit ihnen zusammen mit etwas uns weit Übersteigendem eins, liebend eins, friedlich eins, demütig eins, unmittelbar bleibend eins.
Wie? Mit ihr und mit allem in Frieden.


Oktober 1: Das Leben

Das Leben zehrt an anderem Leben. Auf diese Weise lebt es mehrere Leben zugleich. Es lebt sein eigenes, es lebt das, an denen es zehrt, und am Ende jene Leben, die an ihm zehren.
Gegen diese Beobachtung  wehrt sich vor alle unser Ich, das unser Leben als sein eigenes betrachtet und an ihm festhält, als gäbe es für uns nur dieses. Die Frage ist: Wie viele Leben lebt unsere Welt? Sind sie einander entgegengesetzt, weil sie an anderen Leben zehren, und diese an ihm? Oder gibt es nur ein Leben in seiner Vielfalt? Kann von daher das eine Leben in einem anderen aufgehen und verschwinden? Oder ist jedes Leben zugleich für alle anderen Leben da, immer auf die eine oder andere Weise mit allen Leben da?
Hier stellt sich die Frage: Welche schöpferische Macht wirkt in allem Leben in jedem Augenblick zugleich Wir können sie nur in einer für uns unendlichen Vielfalt annehmen, ohne in eine seiner vielen Erscheinungsformen aufzugehen und in einer mehr als in anderen zu sein.
Von daher ist jedes Leben ein ewiges Leben, mit allem Leben auf eine für uns unendliche Weise eins und da.
Die andere Frage ist: Gibt es neben dem Leben, das wir in einer unendlichen Bewegung erfahren, auch in der von uns ohne Leben erfahrenen Natur Leben? Zum Beispiel in einem Stein und vor allem im Wasser und in der Luft?
Ist diese Unterscheidung von mit und ohne Leben zulässig? Gibt es von daher für das Leben, das wir kennen,  einen Anfang, mit dem es sichtbar und hörbar beginnt? Oder war es immer schon da? Umgekehrt, kann aus dieser Sicht ein Leben aufhören? Gibt es für ein Leben einen Tod oder nur Übergänge von einem Leben in ein anderes nächstes, oder in mehrere nächste?
Ich bin mir bewusst, dass diese Betrachtung einer tiefen Überzeugung widerspricht, vor allem einer religiösen Überzeugung, als könnten wir nach unserem Tod in ein ewiges persönliches Leben auferstehen, in einen ewigen Himmel oder eine ewige Hölle, in denen jeder weitere Wandel aufhört.
Ich lasse es als Frage stehen, ohne Stellung zu nehmen, denn wie könnte und dürfte ich das? Doch ich schaue auf das Ende meines Lebens auf eine andere Weise.
Ich schaue auf mein Leben als ein ewiges Leben jenseits meines Ichs. Zugleich schaue ich auf jedes andere Leben, von dem ich zehre, auf eine liebende Weise, und zugleich auf jene Leben, die an mir zehren. Mit allen werde ich ichlos eins, umfassend eins, lebendig eins.
Darf ich hier noch weiter denken? Dar ich hier noch weiter lieben?
Ich darf, allerdings ehrfürchtig, ichlos ehrfürchtig, ohne Tod immer am Leben, anders am Leben.
Wo ende ich hier? Ich ende in einer unendlichen Weite, in einer ewigen Weite, in einer ewigen Liebe, ohne zu denken von woanders gedacht, mit allem zugleich gedacht, ohne Ende immer neu, lebendig neu, ohne Himmel, ohne Hölle, immer da, anders da, ganz da.


September 4: Ganz

Ganz sind wir vollendet. Alles steht an seinem Platz, das Leichte und das Schwere, ohne sich deshalb aufzulösen, denn ganz sind beide Seiten gemeinsam. Sie halten sich die Waage.
Wenn wir woandershin mitgenommen werden, in etwas, das von uns etwas ungewohntes Neues verlangt  vor dem wir lange zurückgeschreckt waren, weil es uns zu groß und zu schwer erschien, sammeln wir unsere Kräfte und sagen zu ihm „Ja“. Erst das Ja führt uns in jene Weite, in der wir uns nach einer Weile ganz erfahren.
Ganz erfahren wir uns als Mann oder Frau erst im Einklang mit dem uns am Anfang fremden anderen Geschlecht. Obwohl voneinander angezogen und zur Einheit mit dem anderen gedrängt, stellen wir uns ihm oft auf vielerlei Weise entgegen. Zu viel erleben wir bei ihm anders, als dass wir es in unser Herz  und in unsere Seele nehmen. Erst dann erfahren wir uns mit ihm endlich ganz.
Der Weg zu unserer Ganzheit verlangt von uns das Letzte. Sie geht weit über den anderen als Mann und Frau hinaus. Mit ihm werden wir auch mit seiner Herkunftsfamilie eins und mit deren Schicksal. Auch in dieser Hinsicht wachsen wir über unser begrenztes Ich hinaus. Wir erfahren uns mit vielen anderen Ichs auf eine umfassende Weise eins, vielfältig eins.
Je mehr wir Ich sind, desto weiter entfernen wir uns vom Ganzen, vom Ganzen, in dem wir uns mit vielen und mit allem eins erfahren. Das Ich hat wenig Zukunft. Die Frage ist: Wie geht es mit uns weiter ohne unser begrenztes Ich? Geht es überhaupt weiter?
Es geht mit uns weiter ohne unser begrenztes Ich. Es geht mit uns ganz weiter, auf einer Ebene jenseits unseres Endes hier. Das heißt, wir gehen in etwas, das uns mit vielen Leben eins werden lässt, mit ihnen erfüllt weiter, allerdings nur im Blick nach vorn. Zum Beispiel entpuppt sich dann für uns die Schuld als eine andere Weise der Liebe, als ein anmaßender Versuch, jemanden zu retten, als könnten und dürfte wir es. Ein Versuch, ihn vor einem strafenden Gott zu retten und damit uns.
Im Blick nach vorn wachsen wir über diese Ängste hinaus. Wir erfahren uns über die Schuld, die uns klein und gehorsam macht, weggezogen von einer Zukunft, die beiden Seiten gleichermaßen zustimmt. Diese Zukunft stimmt unserer Abhängigkeit zu und unserer Freiheit, einer demütigen Abhängigkeit und einer großherzigen Freiheit, die uns mit anderen auf eine liebende Weise verbindet. Sie nimmt uns gemeinsam in eine Zukunft mit, die zuversichtlich nach vorne blickt. Eine Zukunft hat nur das Ganze, wie es war und ist und kommt.
Ganz werden wir über eine Bewegung, die uns mitnimmt zu etwas, das uns als Einzelne weit übersteigt. Dennoch bleiben wir Teil von etwas uns Umfassendem, mit ihm auf eine bleibende Weise eins. Die Frage ist: Bewirken wir im Einklang mit diesem Ganzen etwas, das auch andere mitnimmt? Bewirkt dieses Ganze etwas, das uns über dieses Leben und über frühere Leben hinaushebt in eine ewige Bewegung, im Einklang mit einer Macht, die ein ewiges „Es werde“ sagt, auch zu uns?
Von daher ist das Ganze grenzenlos in einer grenzenlosen Bewegung, in die wir uns mitgenommen erfahren, ganz mitgenommen erfahren. Die Frage ist: Wie stellen wir uns auf diese Zukunft ein, jetzt schon ein? Im Grunde stellen wir uns einfach auf sie ein. Wir lassen unser Ich Schritt für Schritt hinter uns. Während es von uns abfällt, werden wir auf eine neue Weise weit, auf eine stille Weise, auf eine leere Weise, ohne Anfang, ohne Grenze, je leerer desto umfassender mit etwas Ewigem ganz, ihm hingegeben ganz, liebend ganz, ichlos ganz, mit allem, was da ist, da, ganz mit ihm da.


September 3: Vorbei

Ein lateinisches Sprichwort sagt: Tempus fugit, die Zeit flieht. Sie flieht mit uns an allem Früheren vorbei.
Seltsam, wenn wir meinen, wir könnten die Zeit aufhalten. Sie flieht mit uns und während sie flieht, ist alles Frühere für immer vorbei.
Wohin geht unser Blick? Wohin muss er gehen? Er geht immer nach vorn. Alle Zukunft liegt vor uns, genauer gesagt: Alle Zukunft schaut uns ins Auge, im Augenblick jetzt.
Weil das Frühere vorbei ist, für immer vorbei, erfahren wir uns mit dem Lauf der Zeit nach vorne von ihm frei, vorausgesetzt, unser Blick geht mit der Zeit auf das, was uns in ihr erwartet. Was erwartet uns in ihr? Die Fülle jetzt, jetzt in dem, was im Augenblick auf uns wartet, ein volles Leben, wenn alles Frühere an uns vorübergehen darf.
Die Frage ist: Bleibt das Frühere wirklich zurück? Oder zieht es mit uns? Nimmt die Zeit es auf eine Weise mit, dass das Frühere mit ihr weitergehen kann, anders, neu und zugleich mehr?
Die weitere Frage ist: Kann die Zeit weniger werden? Alles, was nach vorne schaut, schaut auf mehr, nie auf weniger. Allerdings meinen wir, wenn wir zurückschauen, wir könnten etwas zurücklassen, das uns beschwert. Zum Beispiel eine Schuld oder eine Verantwortung. Oder gehen diese ebenfalls mit uns nach vorn, allerdings anders?
Wir schauen auf das, was sie uns im Augenblick schenken. Zum Beispiel eine Vorsicht. Wenn wir mitnehmen, was uns über sie weiterführt, wird es anders, denn seine Zukunft dient unserem Leben auf eine umfassendere Weise, allerdings nur im Blick nach vorn. Dann entpuppt sich die Schuld als eine enge Weise der Liebe, als ein anmaßender Versuch, jemanden zu retten und mit ihm auch uns.
Im Blick nach vorn wachsen wir über viele Ängste hinaus und erfahren uns über die Schuld hinaus, die uns klein und gehorsam macht, weggezogen in eine Zukunft, die beidem gleichermaßen zustimmt, unserer Abhängigkeit und unserer Freiheit, einer demütigen Abhängigkeit und einer großherzigen Freiheit, die uns mit anderen auf eine liebende Weise verbindet, die uns mitnimmt in eine Zukunft, die zuversichtlich nach vorne schaut.
Nur weil etwas vorbeisein kann, öffnet sich für uns das weite Neue, das uns erwartet. Vor allem erwartet uns mit ihm eine neue Zuversicht und eine andere Weite. Uns erwartet eine glückliche Weite und ein neuer Mut von vielen Fesseln frei.


September 2: Geboren

 

 

Unserer Geburt ging eine lange Zeit des Wartens voraus. Wir blieben unsichtbar, wurden jedoch von unserer Mutter mit unseren Bewegungen wahrgenommen.
Nach neun Monaten war es soweit. Uns gelang der Durchbruch ans Licht, unterstützt von heftigen Bewegungen und dem ersten Atemzug.
Was kam mit uns ebenfalls ans Licht? Mit uns kamen unsere Eltern auf eine vollkommene Weise ans Licht. Obwohl als Mann und Frau verschieden, kamen sie in uns in uns als unzertrennlich eins ans Licht. So geht alles Leben weiter, indem aus einer Zwei eine Einheit wird. Bei jeder Geburt kommt aus einer Zwei eine Eins ans Licht, eine Eins nach einer Zwei.
Wozu sage ich das? Wir erfahren den gleichen Vorgang auf vielerlei Weise, wo immer es einen Fortschritt gibt. Es ist der Fortschritt von Zwei zu einer Eins, zu einer vorläufigen Eins, bis auch sie zusammen mit einer weiteren Eins eine neue Eins wird, eine umfassende Eins, eine Eins aus Zwei.
Eine Geburt ist immer ein Fortschritt. Sie geht über zwei frühere Eins hinaus und damit über ein früheres Ego, ein früheres Ich.
Das war die Einleitung für eine Erkenntnis, die über unser Ich weit hinausgeht, am Ende über jedes Ich. Sie führt auf einen Erkenntnisweg, der jedes Ich zurücklässt.
Ich nenne ihn den phänomenologischen Erkenntnisweg, einen philosophischen Erkenntnis-weg, einen von mir erprobten philosophischen Erkenntnisweg über viele Jahre, bis mir plötzlich seine Tragweite und seine Dimensionen erfahrbar wurden. Jede auf diesem Weg gewonnene Erkenntnis lässt sich vergleichen mit einer neuen Geburt. Ich beschreibe diesen Weg an einigen Beispielen:
Beim phänomenologischen Erkenntnisweg ist das Ergebnis da, ohne dass es schon am Licht ist. Es braucht seine Zeit, oft eine lange Zeit, bis es ans Licht kommt. Das heißt, das Ergebnis war schon unterwegs. Zugleich hat es von mehreren Seiten etwas empfangen, das mit ihm ein Ganzes werden wollte. Von daher ist es mehr, viel mehr, als ein Einzelner, ein einziges Ich sich ausdenken konnte. Erst nach diesem Weg, einem gemeinsamen Weg, auf dem schöpferische Kräfte es als ein Ganzes plötzlich ans Licht brachten, als etwas umfassendes Neues, das wie eine neue Geburt über unser bisherige Wissen und Können hinausführt.
Neben diesem langen phänomenologischen Erkenntnisweg gibt es auch einen spontanen, ohne dass wir ihn planen oder wollen können, als käme er von uns.
Dazu schlage ich eine kurze Meditation vor, mit der ich diese Betrachtung beschließe:
Wir schließen die Augen und stellen uns eine Person vor, die uns nahesteht oder die von uns Hilfe erwartet. Doch wir sehen von ihr ab, ohne einen Wunsch oder ein Anliegen. Statt dessen öffnen wir unser Inneres einer anderen Weite, einer unendlichen Weite, und warten, bis uns von dort ein Wort oder ein kurzer Satz erreicht, wie wenn er plötzlich aus einer verborgenen Fülle ans Licht kommt, wie eine schöpferische Geburt. Wir stellen uns vor, dieses Wort oder diesen Satz sagen wir innerlich diesem Menschen. Wir sagen ihn auch uns und warten auf die Wirkung.
Was ist die Wirkung? Jemand, entweder wir oder der andere, erfahren sich wie neugeboren, ohne dass er oder wir begreifen, was in diesem Augenblick vor sich ging. Auf einmal ist alles anders und neu.


September 1: Auf und ab

Unser Lebenslauf steigt auf, er bleibt eine Zeitlang auf der Höhe und steigt langsam ab. Indem er absteigt, wird er ganz. Niemand kann uns auf dieser Bahn aufhalten, Wo immer wir auf dieser Bahn angelangt sind, wir wissen uns am rechten Platz. An diesem Platz leben wir voll.
Beim Aufstieg zögern wir vielleicht, ihn bis zu Ende zu gehen. Wir haben Angst, wir würden zu weit getragen, mit allen Folgen, die er mit sich bringt, denn er macht uns einsam. Nach einer Weile wird unser Abstieg unausweichlich, vor allem weil die Zeit an uns vorbeigeht. Wir halten an, notgedrungen, und es beginnt der Abstieg.
Die Frage ist: Werden wir auf ihm weniger? Werden wir auf ihm mehr?
Unsere Erfahrung wird mehr, denn der Abstieg gehört zur Fülle. Unsere Einsicht und unsere Lebensweisheit werden mehr. Unsere Nachsicht und die Freude am Erfolg von denen, die sich anschicken, nach uns aufzusteigen werden mehr und damit unsere Güte. Der Abstieg dauert manchmal lange und wird nach einer Weile mühsam. Nur eines kennt keine Mühe, es kennt auch keinen Abstieg, die Weisheit.
Die Weisheit wird weiter. Vor allem wird sie gütig auf eine unauffällige liebevolle Weise. Sie begleitet uns auf den Weg nach unten.
Schließt sie die Augen, wenn wir unsere Augen schließen?
Sie ist nicht von dieser Welt. Sie wirkt weiter, denn sie gehört vielen zugleich. Die Weisheit wächst.


August 4: Die Fülle

Die Fülle fließt über, sie ist mehr als voll. Wir haben von ihr mehr als genug. Deswegen können wir von ihr anderen gerne etwas abgeben. Zum Beispiel von der Fülle unserer Gedanken. Deswegen hängen wir auch nicht an einem von ihnen. Würden wir es tun, gingen uns andere verloren.
Die Fülle begegnet uns überall in der Natur. Dann wissen wir oft nicht, wohin mit ihr. Die Fülle ist Überfluss.
Wie erreicht uns die Fülle? Wenn wir uns für sie öffnen. Wir brauchen sie nicht zu suchen.
Woher kommt diese Fülle? Sie kommt aus einer ursprünglichen Kraft, die sich laufend ausdehnt.
Die Frage ist: Vertrauen wir dieser Kraft? Oder verhalten wir uns manchmal als müssten wir sie erst für uns gewinnen? Zum Beispiel indem wir zu ihr beten, oder noch schlimmer, indem wir ihr ein Opfer bringen und uns etwas antun, um sie für uns zu gewinnen. Wie kleinlich sind unsere Vorstellungen von ihrer Liebe.
Die Frage ist: Wie leben wir im Einklang mit dieser Fülle? Können wir es anders als dass auch wir überfließen? Einfach so, indem wir freundlich sind und miteinander teilen, jeden Tag neu?
Was erleben wir dann? Andere fließen mit uns über, alle vom gleichen Überfluss.
So war es bei den ursprünglichen kleinen Gruppen, die noch kein Eigentum kannten und alles, was sie hatten, miteinander teilten.
Wir können auch heute noch solche kleinen Gruppen bilden, in denen jeder für jeden da ist und die aus der gleichen Schüssel essen.
Wo wir in der Fülle leben, kennen wir keine Sorgen. Etwas Größere sorgt für alle zur rechten Zeit.
Habe ich hier eine Utopie vorgetragen, die einigen Angst macht, sie könnten nicht genug bekommen?
Wir können es ausprobieren in den Gruppen, die uns nahestehen, zum Beispiel in einer Paarbeziehung. Beide fließen über, immer mit dem anderen im Blick. Sie fließen über mit Mehr statt Weniger.
Was ändert sich auf einmal? Wo bleiben unsere Sorgen? Statt abzuwägen fließen wir über von unserer Fülle, und wir nehmen von der Fülle unseres Partners jeden Tag ein bisschen mehr.
Diese Fülle ist sowohl geschenkt als auch weitergegeben. Indem wir geben machen wir Platz für den Überfluss, der uns von woanders täglich erreicht. Zum Beispiel die frische Luft, von der wir leben, und was uns sonst jeden Tag im Überfluss geschenkt wird.
Welcher Überfluss macht uns am schönsten reich? Es ist der Überfluss unserer Liebe, unserer täglichen Liebe. Ihre Fülle macht uns glücklich.
Noch etwas ist hier zu bedenken. Nur die Fülle ist fromm. Sie macht uns einer ewigen Fülle gleich, im Innersten gleich, für immer gleich.


August 3: Das Urbewusstsein

Alles, was da ist, hat ein Bewusstsein, ein eigenes Bewusstsein. Erst über dieses Bewusstsein weiß es, was es tun und lassen muss, damit es im Da-sein bleiben kann. Das gilt selbstverständlich auch für alles, was wir als unbelebt erfahren, obwohl es ebenfalls auf vielerlei Weise dem Leben dient. Zu Beispiel das Wasser.
Vor allem stehen wir staunend vor dem Ineinanderwirken vom allem, was wir als da wahrnehmen, von den Weiten des Weltalls bis in die Dimensionen der Atome und weit über sie hinaus. Alles, was da ist, wird offensichtlich gesteuert von einem umfassenden Bewusstsein zur gleichen Zeit. Ich nenne es das Urbewusstsein und die Urbewegung.
Offensichtlich stehen wir hier vor einem Geheimnis. Jeder Versuch, dieses Geheimnis zu lüften, zum Beispiel indem wir uns darüber Vorstellungen machen und es damit zu beeinflussen, verkennt, dass wir diesem Urbewusstsein in jeder Hinsicht ausgeliefert sind, auch mit den Bildern und Namen, die wir uns von ihm zu machen versuchen, oder es sogar zu beeinflussen, indem wir es loben und zu besänftigen versuchen unter welchen Namen auch immer.
Da wir ihm keinen Namen geben können und damit auch kein Sein in unserem Sinne, erscheint es uns letztlich als leer, als unbegreiflich leer, unfassbar leer.
Bleiben wir von daher ohne bewusste Verbindung zu ihm? Oder bleiben wir umgekehrt in einer unendlichen Verbindung, in einer Urverbindung in allem, was wir denken und erfassen und es bewusst tun? Können wir dieses Urbewusstsein außerhalb von uns wahrnehmen, oder in jedem Augenblick in uns mächtig da, umfassend da?
In ihm leben wir und sind wir, aufgehoben und bewegt, schöpferisch bewegt mit vielem und allem zugleich. Können wir tiefer mit ihm in Verbindung sein, umfassender mit einer Bewegung, die wir uns als Liebe vorstellen?
Also überlassen wir uns diesem Bewusstsein in jedem Augenblick, wohin auch immer wir von ihm mitgenommen werden, in welche Höhen und Tiefen und in welche Weite und Enge. Diesem Urbewusstsein ist alles gleichermaßen nah, gleichermaßen von ihm bis ins Letzte durchdrungen, ihm ausgeliefert und dennoch gehalten.
Die Frage ist: Wozu diese Überlegungen, vordergründig wie sie sein müssen?
Sie lassen uns anders leben, gelassener leben, demütig leben und dennoch im Tiefsten geborgen, wissend und unwissend zugleich. 


August 2: Geheimnisse

Zwar wissen wir viel und im Lauf der Zeit immer mehr. Gleichzeitig erfahren wir uns vor mehr und immer größeren Geheimnissen. Am meisten und am staunenswertesten erfahren wir die Geheimnisse unseres Lebens, das Geheimnis seines Anfangs, das Geheimnis seines scheinbaren Aufhörens, das Geheimnis seiner Weitergabe, das Geheimnis seiner Vorgeschichte und seiner Zukunft und das Geheimnis seiner Bewegung.
Alles an diesen Geheimnissen ist überwältigend. Dennoch schreiten wir mit unseren Vorstellungen oft leichtfertig und übermütig über sie hinweg, vor allem über das Geheimnis des Todes.
Könnten wir unser Leben leichtfertig aufs Spiel setzen, nähmen wir dieses Geheimnis ernst - und seine Ewigkeit?
Der Tod ist unser tiefstes Geheimnis. Er macht uns am meisten Angst. Doch so, wie er uns Angst macht, müsste uns auch der leichtfertige Umgang mit unserem Leben und dem Leben anderer Angst machen, wenn wir es leichtfertig aufs Spiel setzen, und  unsere Todeswünsche.
Wir brauchen uns nur vorstellen, dass wir ihnen nach unserem Tod und mit unserem Tod gleichsam von Aug und Aug begegnen, aber auch den Tieren, die wir geschlachtet haben, trotz ihrer Todesangst. Ganz abgesehen von den Menschen, deren Leben in einem Krieg millionenfach für unser Leben geopfert wurden.
Wir überspielen diese Geheimnisse laufend, zum Beispiel bei manchen Siegesfeiern, und trampeln gleichsam auf diesen Toten herum, den Toten auf beiden und auf vielen Seiten.
Die Frage ist: Wie gehen wir mit diesen Geheimnissen auf eine Weise um, die uns menschlich werden und menschlich sein lassen?
Wir legen uns zu diesen Toten mit Liebe und nehmen sie in das Leben mit, das uns noch bleibt. Wir meinen nur, dass sie tot sind, ohne wahrzunehmen, dass sie weiterhin da sind, mächtig da. Wie kann uns diese Achtung und Liebe gelingen?
Wir schauen über sie hinaus auf eine ewige Kraft und sagen zu ihr: „Bitte“. Wir halten ihr unser Leben hin und mit ihm das Leben vieler Toten.
Unterscheiden wir uns von ihnen? Unterscheiden sie sich von uns? Sind wir nicht alle weiterhin da, gleichermaßen da?
Vor diesem Geheimnis werden wir still, umfassend still. Wir schauen uns um zu allen, die mit uns noch am Leben sind und blicken mit ihnen auf ein ewiges Geheimnis, vor dem jedes Leben zählt. Wir werden demütig, wie einer unter vielen Gleichen. Wir öffnen uns den tiefen Geheimnissen in uns, auch denen, die uns Angst machen. Wir öffnen uns dem Geheimnis unseres Todes und des Todes jener, denen wir den Tod gewünscht haben und an deren Tod wir mitbeteiligt waren. Vor diesen Geheimnissen werden wir still und beginnen zu weinen.
So still geworden, öffnen wir uns weit für das Geheimnis des Lebens, für das Geheimnis jedes Lebens, und stimmen ihm zu, was immer es von uns verlangt, damit es bleibt, wie der Tod geheimnisvoll bleibt.


August 1: Da sein

Auf was kommt es in unserem Leben grundlegend an? Darauf, dass wir da sind. Leben können wir nur, wenn wir wie alles andere in unserer Welt da sind. Alles beginnt damit, dass es da ist.
Was verbindet uns mit der Welt, in der wir leben? Was verbindet uns mit anderen Menschen? Was verbindet uns mit jener schöpferischen Macht, die hinter allem, was da ist, schöpferisch wirkt? Uns verbindet vor allem eines, wir sind mit ihm da.
Sind wir uns dessen immer bewusst? Was geschieht mit uns, wenn wir uns innerlich darauf einstellen auf das reine Da-sein?
Wir kommen aus dem Staunen nie mehr heraus. Alles, wie es ist, wird für uns wunderbar.
Da-sein ist reine Gegenwart. Kann etwas, das da ist, verschwinden? Wohin sollte es verschwinden, außer in ein weiteres Da-sein? Wie seltsam ist von daher unsere Vorstellung, wir könnten etwas loswerden, vor allem die Vorstellung, wir könnten einen Menschen loswerden? Zum Beispiel bei einer Abtreibung und umgekehrt die Vorstellung, wir könnten etwas neu erschaffen? Alles, was wir zu erschaffen meinen, war bereits da, auch das neue Leben.
Hier halte ich inne und staune. Was in mir war schon alles da, lebendig da, bevor ich das Licht der Welt erblickte und den ersten Atemzug, um nicht zu ersticken tun musste? Was und wer war alles da, das mich am Leben hielt, an Zuwendung und an Herausforderung? Welcher Kreislauf war da von Nehmen und Lassen? Welche Wärme und welche Kälte, welches Licht und welches Dunkel und vor allem welche Liebe?
Wenn ich hinausrufe zu allem, was vor mir sichtbar und hörbar wird, und was ich mit allen meinen Sinnen wahrnehme und mit meinen Gedanken und Gefühlen, alles schreit laut: Ich bin da.
Umgekehrt sage ich zu allem, was mich umgibt und was mit mir da ist: Auch ich bin da, für dich da, wie du für mich.
Gibt es eine tiefere Sammlung als dieses reine Da-sein? Halten wir diese Sammlung überhaupt aus, nur da zu sein, ganz da zu sein, still da zu sein?
Also machen wir uns Gedanken über alles Mögliche und meinen, wir seien mit ihnen da. Oder fliehen wir mit ihnen vor der Wucht des Da-seins, in seiner Fülle unmittelbar da, umfassend da?
Es auszuhalten müssen wir lernen. Wir müssen es still lernen, gesammelt lernen.
Wie leben wir dann unser Leben? Wie leben wir es gesammelt zugewandt zu allem, was da ist, ihm mit Achtung zugewandt, mit ihm in einem tiefen Einklang, ihm zugewandt wie es ist, mit einer Liebe, die da ist, ganz da, nur da?


Juli 4: Worte

Ein Wort benennt, auf was es ankommt. Dieses Wort trifft. Es ist zur Sache.Die Frage ist: Woher kommt dieses Wort? Kann ich es mir ausdenken? Sollte ich es versuchen, bewirkt es, was ich brauche? Ist es dem, dem ich es sage, verständlich?Anders ist es mit Worten, die in mir und beim anderen etwas Entscheidendes bewirken. Zum Beispiel eine Einsicht, die etwas Heilendes bewirkt.Diese Worte kommen von woanders, von einer schöpferischen Macht, Sie kommen gleichsam von außen, jenseits unserer Fähigkeiten und jenseits unserer Ängste. Diese Worte sind Worte der Kraft. Sie lösen etwas Vordergründiges auf. Sie führen auf eine höhere Ebene, auf eine umfassende Ebene im Dienst des Lebens, für uns und andere. Sie bringen etwas in Ordnung.Die Frage ist: Wer sagt diese Worte? Wer spricht durch sie?Oft ist es jemand aus unserer Familie, der unterging, ohne dass er in unser Bewusstsein treten konnte. Zum Beispiel ein Zwilling, der früh im Mutterleib starb.Die Frage ist: Wie meldet er sich? Meldet er sich freundlich? Zum Beispiel indem er uns auf unserem Lebensweg begleitet, uns laufend Hinweise gibt, und auf diese Weise mit uns lebt? Oder sogar umgekehrt, indem wir mit ihm leben und er weitgehend in unserem Leben die Führung über-nimmt, sodass er uns bereit voraus ist und vorausgeht? Denn im Grunde sind wir ein Herz und eine Seele.Mit seiner Hilfe überwand ich gefährliche Klippen. Er stand mir zur Seite, wenn ich aus scheinbar hoffnungslosen Situationen heil mit dem Leben davonkam, wie ich es als Soldat erleben konnte, als ich durch ein Minenfeld gehen musste.Hier bin ich einige Umwege gegangen. Oder kamen diese Worte von ihm? Hat er sie mir in den Mund gelegt wie viele andere in diesem Buch?Ich komme zurück zur Frage: Wie erreichen mich Worte von woanders, und was bewirken sie im Dienst des Lebens?Hinter ihnen wirkt ein Bewusstsein, das über mein Bewusstsein hinausgeht, auch über das meines Zwillings. Also sage ich sie, wie sie über mich auch andere mitnehmen in etwas uns Übersteigendes, in ein Bewusstsein, das uns mit allem verbindet, das ebenfalls in anderen Händen liegt, in liebenden Händen. Diese Worte sind schöpferisch auf vielerlei Weise, aber immer im Dienst einer Erkenntnis, die uns mitnimmt in ein Bewusstsein jenseits unserer Vorstellungen von Richtig und Falsch, das uns mitnimmt auf eine andere Ebene von Liebe und Glück. In diesem Sinne sind diese Worte auch dichterische Worte von einer anderen Schönheit und Tiefe, Worte, die uns mitnehmen in eine andere Weite, weit über unsere Vorstellungen und Anliegen hinaus.Hier gebe ich einige Beispiel von solchen Worten und Sätzen, die Sie in sich aufnehmen und von ihnen sich mitnehmen lassen, ohne nach einer vordergründigen Erklärung zu suchen. Nach einer Weile offenbaren sie ihre Tiefe und ihre Wirkung, als wären wir von woanders woandershin mitgenommen.

 

   Ach dass ich dich so spät erkannte.

   Jetzt höre ich auf.

   Du bist besser.

   Ich habe es verdient.

   Jetzt ist Schluss.

   Ich gehe.

    Es reicht.

Mit diesen Worten beende ich diese Betrachtung und ziehe mich zurück, still und gesammelt und dennoch mit Ihnen verbunden, demütig verbunden.


Juli 3: Gehört

Neben den Ohren, mit denen wir von außen kommende Töne und Geräusche wahrnehmen, haben wir ein inneres Ohr, ein geistiges Ohr, das uns in ein anderes Hören mitnimmt, ein geistiges Hören. Zum Beispiel, wenn wir in das Hören einer Musik mitgenommen werden, ohne sie mit unseren Ohren zu hören. Oder wenn wir klar und deutlich eine Eingebung hören, auch eine Warnung, manchmal die  Stimme von jemandem, der oder die uns nahestanden, die uns physisch zurückhalten und warnen vor einer Gefahr.
Auf diese Weise hören wir mit unserem ganzen Körper, auch mit unserer Seele und unserem Geist, gleichsam mit allen unseren inneren Sinnen.
Hier spreche ich über die inneren Ohren anderer Wesen zu uns. Oft sind es solche, die wir auf die eine oder andere Weise in Erinnerung haben. Manchmal hören wir auch Hinweise, die aus früheren Leben kommen von Personen, mit denen wir auf eine enge oder auch auf eine feindliche Weise aneinandergeraten waren, ohne dass wir uns die Hand reichen konnten. Wir sind von ihnen im Zwist getrennt, sie unsere und wir ihre Opfer.
Was offenbart sich hier? Alles Unvollendete, alles, was nach Versöhnung schreit, schreit in uns weiter, oft über mancherlei Symptome, die über eine tiefe Versöhnung endlich Frieden finden wollen.
Das ist die eine Seite, oft eine laute Seite. Es gibt auch eine leise Seite, eine zarte, eine liebende Seite, die sich auf eine umwerfende Weise in uns Gehör verschaffen will.
Wie? Vor allem durch eine innere Warnung. Plötzlich schrecken wir vor etwas zurück, manchmal sogar, als nähme uns jemand bei der Hand und risse uns gewaltsam zurück, wie mit einem Hieb in den Nacken. Manchmal auch, indem er uns ein Bein stellt und sich auf diese Weise Gehör verschafft.
Oft aber auch, wenn jemand, der vor langem beinahe gestorben war, also während einer Nahtoderfahrung, lieber am jenseitigen Ufer bleiben wollte, statt in dieses Leben zurückzukehren.
Hier hilft manchmal ein heftiger Schlag zwischen die Schulterblätter, um ihn in dieses Leben voll zurückzuholen, laut und deutlich und dennoch auf einer andere Ebene seines Bewusstseins, jenseits unserer üblichen Sinne und unseres gewohnten Gehörs.
Am tiefsten erfahren wir und hören wir diese Hinweise, die uns in eine andere Weite mitnehmen, in eine tönende Weite, wie sie Dichter und begabte Musiker und Komponisten erfahren und schenken. Beethoven zum Beispiel, obwohl schon lange taub, komponierte seine späten Werke, ohne eines von ihnen mit seinen Ohren zu hören. So hören wir und werden gehört auf einer Ebene jenseits unserer Sinne, auf die wir uns oft beschränken.
Die Frage ist: Wie lernen wir auf dieser anderen Ebene mit unseren geistigen Sinnen wahrzunehmen und zugleich andere über ihre Sinne mit unseren Tönen zu erreichen?
Zum Beispiel Daniel Barenboim. Bevor er zu spielen beginnt, wird er offensichtlich in ein anderes Bewusstsein mitgenommen. Während er spielt, wer-den er und wir mitgenommen in ein uns weit über-steigendes Bewusstsein, und kehren erst danach wieder in unser gewohntes Bewusstsein zurück.
Die Frage ist: Wie bereiten wir uns vor, damit wir in diese andere Ebene unseres Hörens und Handelns mitgenommen werden? Können wir es mit Hilfe des uns gewohnten Hörens und Tuns?
Wir werden mitgenommen durch ein zurückhaltendes Warten auf das Kommen einer anderen, einer umfassenden Bewegung, ohne eigenes Wollen und Tun.  Nach einer Weile meldet sie sich jenseits unseres Hörens, oft in einer tiefen Stille. Sie offenbart uns mit einer außergewöhnlichen schöpferischen Kraft ein anderes Verstehen und Tun, bis wir am Ende von ihr zurückkommen in unser gewohntes Hören. Wie? Mit einer anderen Antenne, einer anderen Zuversicht und einer anderen Liebe. Mit einer Liebe, die woanders hinreicht, demütig hinreicht, mit etwas Unendlichem eins, mit ihm unmittelbar eins.


Juli 2: Die Umstände

Unser Leben hängt von vielen äußeren Umständen ab, die auf es Einfluss nehmen. Sie sind für jeden von uns offensichtlich. Zum Beispiel von unserer Mutter und unserem Vater.
Ich bringe dazu ein Bespiel. Wenn ich bei einer Familienaufstellung einen Stellvertreter, männlich oder weiblich, für eine Krankheit auswähle und ihn bitte, sich zu bewegen, wie er von innen von anderen Kräften geführt wird, ohne zu wissen, um welche Krankheit es sich beim Klienten handelt, verhält er sich in der Regel wie eine Person.
Es handelt sich hier offensichtlich um ein anderes Umfeld für eine Krankheit, also um keine organische sondern um eine beziehungsbedingte. Sehr häufig handelt es sich hier um eine ausgeschlossene oder abgelehnte Person aus der Familie, zum Beispiel um ein abgetriebenes oder weggegebenes oder verleugnetes Kind, aber auch um einen früheren Partner, der trotz der äußeren Trennung in uns weiterwirkt, als wäre er noch da.
Von daher gibt es für uns neben der körperlichen Krankheit auch eine mitmenschliche, die oft zuerst nach Ordnung schreit, bevor die körperliche Krankheit auf eine umfassende Weise in Ordnung kommen und gesund werden kann.
Wie zeigt sich äußerlich, dass für eine Krankheit vor allem die Ordnung von Beziehungen die Heilung möglich machen und berücksichtigt werden müssen?
Sie zeigt sich in den Verschränkungen, zum Beispiel in den verschränkten Armen oder Beinen und in verkrampften Fingern. Sobald wir diese öffnen und uns damit für andere weit machen, ändert sich etwas Grundlegendes in unserem Körper und in unserem Gefühl. Jeder Krampf, körperlich oder geistig, deutet auf eine von und ausgeschlossene oder abgelehnte Person hin, zum Beispiel auf die von uns abgelehnte Mutter.
Ich bringe dafür ein Beispiel. Vor vielen Jahren während eines Vortrags an der Universität Graz, bat eine Teilnehmerin um helfende Hinweise, denn sie litt an Krebs.
Ich schlug ihr vor, sich hinzustellen vor eine andere Person, die ihre Mutter vertrat, und sich tief vor ihr zu verneigen. Sie wehrte sich dagegen und weigerte sich. Daraufhin brach ich die Aufstellung ab. Nach einem Jahr schrieb mir ihr Mann, ein Arzt, der ebenfalls anwesend war, einen Brief. Im Laufe des Jahres gelang es seiner Frau gleichsam Zentimeter für Zentimeter, sich immer tiefer vor ihrer Mutter zu verneigen, bis sie unten angekommen war. Was war das Ergebnis? Ihre Krankheit war nicht mehr nachweisbar.
Die Umstände, auf die es bei einer Krankheit oder sonstigen körperlichen Beschwerde ankommt, aber auch bei Misserfolgen strotz größer Anstrengungen von unserer Seite, liegen auf einer anderen Ebene, auf der Ebene unserer Beziehungen. Sie in erster Linie müssen in Ordnung kommen.
Wie gelingt uns diese Ordnung. Alle in den für uns bedeutsamen Beziehungen genießen das gleiche Recht dazuzugehören, unabhängig von unserem Ich. Was wäre hier der entscheidende helfende Satz? Er heißt: „Du auch“. Das gilt umgekehrt auch für uns. Er heißt: „Ich auch“. Der andere darf seinen Platz einnehmen und ich auch. Für das Recht auf Zugehörigkeit gibt es kein Mehr oder Weniger. Hier sind alle vor etwas Größerem gleich.
Auf welche Umstände kommt es in unserem Leben für unser Wohlbefinden und das Wohlbefinden aller, die zu uns gehören, in erster Linie an? Wir stellen sie neben uns mit Liebe, und wir stellen uns neben sie auf die gleiche Ebene. 
Was ist das Ergebnis? Wir sind da, endlich da. Sie sind da, endlich da. Wie vor allem? Wir sind ganz da. Sie sind ganz da, vollständig da. Wir und sie sind gesund da, mit allem im Einklang mit Liebe.


Juli 1: Das Ende

Das Ende kommt immer. Die Frage ist: Wie geht es weiter? Ist das Ende zugleich die Vorbereitung auf einen neuen Anfang?
Wenn wir vom Ende sprechen, denken wir vor allem an das Ende unseres Lebens. Ist es das letzte Ende, das bleibende Ende? Oder ist es wie alles Frühere, das im Laufe unseres Leben endete, die Tür zu einem neuen Beginn?
Dieses Ende, das Ende unseres Lebens, bewegt uns vor allem. Was fürchten wir dabei vor allem? Wir fürchten das Ende unseres Ichs, jenes Ichs, das in diesem Leben das Entscheidende war, auf das wir uns beziehen konnten. Zum Beispiel mit einem Ja oder einem Nein, das also zustimmen oder ablehnen konnte, auch hin auf ein Mehr oder ein Weniger, sogar auf ein Alles oder Nichts.
Die Frage ist: Wo läuft dieses Denken und Fühlen ab? Läuft es zum Beispiel auch in unseren Körperzellen ab? Ist für diese beides das Gleiche, das in Erscheinung Treten und das Verschwinden und Aufhören? Oder ist dieses Kommen und Gehen ein ewiges Hin und Her, ohne dass es über die ihm vorgegebene Zeit hinausreicht? Können wir dieses Kommen Leben nennen und das Gehen Tod? Läuft am Ende auch unser Leben hier auf gleiche Weise ab, wenn wir von unserem Ich absehen? Zählt es hier?
Abgesehen von unserem Ich geht alles weiter, und es endet weiter, ohne dass etwas im Ganzen ein Ende findet. Können wir es uns mit unseren Möglichkeiten vorstellen? Wo soll es am Ende hingehen?
Die Frage ist: Wie gehen wir mit unseren Erfahrungen von Anfang und Ende auf eine umfassende Weise um, mit dem Ende immer auch den Anfang im Blick? Wir bleiben beim Augenblick, beim Hier und Jetzt, wie es uns erfasst.
Fehlt uns der vorangegangene Augenblick? Kümmert uns der nächste, solange wir diesen als voll erfahren.
Eine andere Frage ist: Was ist mit unseren Errungenschaften? Bleiben sie unsere Errungenschaften? Wurden sie inzwischen Teil der Welt, in der wir leben? Sind sie Teil jener Schöpfungsbewegung und ihrem bleibenden Ja, allen gleich gehörend, gleich gekommen und weitergegeben?
Die andere Frage ist: Wie gehen wir mit den Errungenschaften anderer um? Gehören sie uns wie unsere ihnen? Hat hier ein Ich Ansprüche, ihr Ich oder unseres? Stellt eine schöpferische Macht an uns Ansprüche, als müssten wir ihr dafür danken? Wie verschroben sind diese Gedanken angesichts der Fülle unseres Universums?
Was bleibt am Ende von jedem Ende? Es bleibt etwas Unendliches ohne Ende – und wir mit ihm.


Juni 4: Die Ruhe

Die Ruhe wartet. Sie kommt zu ihrer Zeit. Sie ist Anfang und Ende jeder Bewegung, ähnlich wie die Nacht. Jedem fallen nach einer Weile die Augen zu.
In diesem Sinne ist die Ruhe schöpferisch. Aus ihr kommt unsere Bewegung. In der Ruhe wird sie vorbereitet, aus ihr kommt sie ans Licht. Von daher ist die Ruhe dunkel. Um ruhig zu werden, schließen wir die Augen. Auf einmal erfahren wir uns in einer anderen Welt, auch in einem anderen Bewusstsein, in einer andere Tiefe.
Ruhig geworden kommen wir zu uns selbst, vor allem, wenn wir unsere Augen schließen. Wir treten in eine andere Weite, in eine dunkle Weite, von vielem leer, von vielem Verwirrenden leer, denn das Viele und Verwirrende flieht vor dem Dunkel.
In unserer Zeit wurde von dem vielen Licht auch in der Nacht das Dunkel zurückgedrängt und mit ihm die Ruhe. Die tiefe Nacht und das undurchdringliche Dunkel sind einem künstlichen Licht gewichen, so sehr, dass sogar viele Sterne verblassen. Voll scheinen sie für uns allein im Dunkel, in der dunklen Nacht.
Wenn wir bedenken, wie eng wir durch das viele Licht werden, wie hektisch und ruhelos, wo bleibt für uns die sanfte Ruhe, die lange Ruhe, die schöpferische Ruhe?
Zur Ruhe werden wir von woanders geführt, von anderen Kräften. Manchmal werden wir zur Ruhe auch gezwungen, vor allem, wenn wir zu weit gegangen sind.
Die Frage ist: Wie finden wir zur Ruhe zurück? Wir finden ruhig zu ihr zurück, mit Abstand, langsam gesammelt zurück, allein und dunkel. Die Ruhe führt uns in unsere Mitte, in unsere schöpferische Mitte. Über die Ruhe, oft über eine lange Ruhe, finden wir zum Einklang mit jenen Kräften, die uns erlauben aufzuwachen. Sie erlauben uns, wissend aufzuwachen, gesammelt aufzuwachen, etwas Neuem zugewandt mit Liebe.
Die Ruhe ist ganz. Sie ist vollendet, wie es in Der Bibel von Gott heißt, nachdem er in sechs Tagen die Fülle der Welt erschuf. Er segnete den siebten Tag und ruhte an ihm von seinem Schöpfungswerg, so wie wir in seiner Nachfolge am siebten Tag von unseren Werken ruhen.
Hören wir nach diesem Ruhetag von der nächsten schöpferischen Arbeit aus? Erst wieder am nächsten siebten Tag. Wie Gott nach dem Bericht der Bibel am siebten Tag auf sein Schöpfungswerk zurückschaute, schauen auch wir an ihm auf unser Werk zurück mit Liebe und segnen es. Wir segnen es erfüllt.


Juni 3: Der Raum

Ein Raum setzt Grenzen. Wem setzt er Grenzen? Immer einer Bewegung. An seinen Grenzen hört eine Bewegung auf. Welche Bewegung hört an seinen Grenzen auf? Die Bewegung von allem, was sich innerhalb dieser Grenzen bewegt. Gibt es eine Bewegung jenseits dieses begrenzten Raums? Ja. Es gibt neben dem engen Raum, in dem wir uns bisher bewegten, einen weiteren Raum, in dem eine andere Bewegung möglich wird, allerdings auch innerhalb festgelegter Grenze.
Die Frage stellt sich: Können wir über die Grenzen unseres bisherigen Raumes hinausgehen und damit in eine größere Bewegung, bis an die Grenzen auch dieses Raums?
Dass wir es können, zeigt unser Lebenslauf. Schritt für Schritt erobern wir als Kinder laufend einen größeren Bewegungsraum und überschreiten dabei Grenzen, die uns vorher gesetzt wurden, sowohl von außen als auch von innen.
Vor allem setzen wir uns diese Grenzen selbst. Nach einer Weile wissen wir, wenn wir eine bestimmte Grenze überschreiten, laufen wir Gefahr, die Zugehörigkeit zu einer uns wichtigen Gruppe zu verlieren. Also bleiben wir lieber innerhalb der uns von ihr gesetzten Grenzen.
Diese Beobachtung gilt für die meisten Menschen. Der Raum jenseits ihres jetzigen bleibt ihnen verschlossen.
Allerdings nur auf eine gewisse Weise. Hätten sie keine innere Gewissheit über einen anderen, wüssten sie auch nichts von der Angst vor dem, was sie dort erwartet. Die Frage ist: Wenn sie die Grenzen ihres bisherigen Raums mutig überschreiten, können sie noch einmal in seine Grenzen zurück?
Manche kehren bewusst  in ihn zurück, bewusst in seine frühere Sicherheit. Sie opfern ihre Zukunft einer Vergangenheit, die bleibt. Statt erwachsen und unabhängig zu werden, kehren sie zurück in ihre Kindheit, sicher auf der einen Seite und eng auf der anderen. Der neue Raum öffnet sich nur den Wagemutigen in eine ungewisse Zukunft.
Gehen diese den neuen Weg mit vielen zusammen oder gehen sie ihn letztlich allein? Werden sie von den Vielen in den engen Raum zurückgerufen, oder ziehen einige sie mit sich in diesem neuen Raum und bleiben dennoch einsam? Der neue Raum ist ein Raum der Freiheit. In erster Linie der Raum einer geistigen Freiheit, ohne die Bindung an ein enges Gewissen, das uns zwingt, jene Liebe abzulehnen, die allen diesen weiten Raum erschließt. Von daher ist die entscheidende Grenze, die uns und mit uns vielen anderen den Übergang in diesen neuen Raum verwehrt, eine Gewissensgrenze, eine Grenze, die über unser Leben und über unseren Tod entscheidet, für immer entscheidet. Wagen wir den Übergang über diese Grenze in den anderen Raum, in diesen freien Raum? Wie wagen wir ihn?
Wir wagen ihn mit einem Verzicht, mit dem Verzicht auf eine Sicherheit wie Kinder sie haben, die einer Familie angehören, einer Familie, in der sie Kinder bleiben dürfen, in der wir weiterhin auf allen Vieren krabbeln statt auf eigenen Füßen zu stehen, auf eigenen Füßen der Liebe, auf den Füßen einer wissenden Liebe, die in einen weiten Raum gehört, in dem alle gleichermaßen auf eigenen Füßen stehen, jeder für sich einzigartig, weil von einer anderen Macht in sein Dasein gerufen und in ihm auch einzigartig gehalten, allen anderen ebenbürtig und gleich.


Juni 2: Alles

Alles ist da. Nichts von dem, was da ist, kann da sein, ohne dass es da ist, ohne dass es gleichermaßen mit allem, was da ist, ebenfalls da ist.
Warum sollen wir uns also Gedanken um etwas machen, das nicht da ist, ja, das nicht einmal da sein kann? Dennoch verbringen wir sehr viel Zeit mit etwas, das wir uns vorstellen, ohne dass es da sein kann. Zu diesen Vorstellungen gehören viele Gedankenspiele und Wünsche, auch viele Vorstellungen von Schuld und Sühne und von einem strafenden und belohnenden Gott, und natürlich vieles über unsere Zukunft. Denn alles, was da ist, ist jetzt da, nur jetzt.
Etwas von allem, was da ist, nehmen wir in eine Bewegung wahr. Von daher ist es von Augenblick zu Augenblick anders da.
Die Frage ist: Welche Kraft bringt es in Bewegung? Welche Kraft hält es in Bewegung, und natürlich auch, welche kraft hält diese Bewegung an, und wie und wohin steuert sie diese Bewegung? Also jede Bewegung von allem, was da ist, hört in jedem Augenblick mit einer Bewegung auf und beginnt eine neue, beides ununterbrochen.
Von daher gibt es kein bleibendes Alles, kein statisches Alles, sondern nur alles in einer ununterbrochenen Bewegung. Die Frage ist: Hat diese Bewegung einen Anfang? Hat alles einen Anfang, und steuert es auf ein Ende zu, mit dem es aufhört?
Diese Frage ist müßig. Wir erfassen jede Bewegung allein im Augenblick als vorübergehend, doch ohne Unterbrechung. Alles, was da ist, bleibt ür uns in Bewegung.
Die andere Frage ist: Hat unsere Bewegung, mit der wir sichtbar ins Dasein treten, einen Anfang, oder ist dieser Anfang Teil einer Bewegung und von daher auch sein Ende.
Alles, wie wir es kennen, ist vorläufig. Schon im nächsten Augenblick ist alles anders, alles ist laufend anders.
Statt auf alles zu schauen, genügt es, wenn wir auf das Nächste schauen, das im Augenblick ansteht. In ihm ist alles im Augenblick da. Von daher genügt es, wenn wir allein auf das Nächste schauen, auf den nächsten Schritt und seine Folgen. Was sind diese Folgen? Sie nehmen uns mit in die nächste Bewegung, in eine gesammelte Bewegung, vorausgesetzt, dass wir uns ihr hingeben wie an das Einzige, das zählt.
Was ist das Ergebnis? Wir leben in einer immerwährenden Fülle, in der vollen uns möglichen Fülle, vorausgesetzt, dass wir bei ihr bleiben. 
Wie? Im Augenblick jetzt.


Juni 1: Die Tiefe

Die Tiefe sinkt zu einem Mittelpunkt. Zum Beispiel alles, was uns auf der Erde in die Tiefe zieht, zieht es in ihre Mitte.
Wo ist diese Mitte? Ist sie für uns greifbar? Ist sie eine unsichtbare Mitte? Ist sie reine Energie? Ist sie reine Kraft? Weil in dieser tiefen Mitte alles zusammenfließt, in ihr unsichtbar zusammenfließt, wird über sie alles mit etwa Letztem eins. Es wird mit ihm unsichtbar eins.
Ist von daher dieses Letzte reine Kraft? Ist es eine unwiderstehliche Kraft? Ist ihre Tiefe unendlich?
So wie es eine Tiefe nach unten gibt, hier zu einem Mittelpunkt, gibt es auch eine Tiefe in die Weite. Zum Beispiel die Tiefe des Weltalls. Zwar kommt auch diese Mitte von einem Ursprung, von einem unsichtbaren Ursprung, von dem es sich ausbreitet, geht es auf der einen Seite von diesem weg. Auf der anderen Seite kommt sie offensichtlich an ein Ende, von dem aus seine Bewegung nach einer Weile wieder zurückfließt, zurück in seine Tiefe, in seine verborgene Tiefe, in eine verborgene Leere.
In dieser Leere hört alles Einzelne, wie wir es kennen, auf. Es hört leer auf, es hört tief auf. Wenn wir diese Überlegungen auf unser Leben anwenden, auf unsere Vergangenheit und unsere Zukunft, wenn wir uns innerlich auf diese Tiefe hin sammeln und jedes Einzelne in uns und um uns leer wird, unendlich leer, wo finden wir uns am Ende? Wo in welcher Tiefe? Gehen wir in ihr auf? Gehen wir in ihr unendlich auf?

In diesem Leben kehren wir von ihr zurück zu einer ausgedehnten Oberfläche und zu ihrer Vielfalt und Weite. Auf gleiche Weise sprechen wir auch von einem tiefen Schmerz, von tiefen Gedanken, von einer tiefen Liebe und von einem tiefen Glück. Auch hier gehen wir weg von einer Oberfläche du einer Vielfalt. Wir gehen in unser Innerstes immer tiefer zu einem Mittelpunkt, zu einem gesammelten Mittelpunkt, weg vom Vordergründigen und Vielen und Vollen, dorthin, wo unsere Bewegung aufhört. In dieser Tiefe sind wir angekommen. Weiter und tiefer führt sie nicht.
Dennoch, diese Tiefe ist weit, umfassend weit. In ihr ist alles da, umfassend da.
Tauchen wir au dieser Tiefe wieder auf? Auch aus ihrer Stille? Wieder nach oben und in die Vielfalt?
Wir tauchen aus dieser Tiefe auf wie von woanders gerufen, auch von woanders in den Dienst genommen. Allerdings vorläufig für eine Zeit, für eine vorläufige Zeit. Dennoch stehen wir in ihr anderen anders zu Diensten, unserer Tiefe in jedem Augenblick nah, wesentlich nah.
Die Frage ist: Wie leben wir nach dieser Erfahrung unser Leben?
Wir leben es vorläufig, von unserer Tiefe zu etwas angezogen, das unten bleibt, schon jetzt in vielerlei Weise zuhause, wartend zuhause, is unser Kreis sich schließt. Wie? Umfassend vollendet, tief umfassend vollendet, still am Ziel. 


Mai 5: Der Platz

Alles Leben braucht Platz. Es bekommt einen Platz in dem Augenblick, im dem es ins Leben tritt. Von da an muss es seinen Platz gegen anderes Leben behaupten, auch auf Kosten von anderem Leben, und es verliert ihn nach einer Weile, um anderem Leben Platz zu machen.
Der Kampf um genügend Platz führt zu erbitterten Kriegen, der zur Vernichtung anderen Lebens führt, um für das eigene Leben den Platz zu gewinnen, den es für sich und seine Nachkommen sichern will und muss.
Dennoch geht ihm dieser Platz nach einer Weile verloren, aus was für Gründen auch immer.
Jedes Leben macht nach einer Weile für seine Nachkommen willig Platz, denn in ihnen geht es auf eine neue Weise weiter. Um weiterzugehen, hat es seinen Platz für eine Zeitlang behauptet, so lange, bis das neue Leben für sein eigenes Leben und seine Weitergabe und den Kampf um den eigenen Platz fähig wurde.
Danach verliert das eigene Leben an Kraft. Es wird weniger, bis es dieses an andere Leben verliert.
Das Leben verlangt von uns beides, das Nehmen und das Lassen. Zuerst das Nehmen, das kraftvolle und rücksichtslose Nehmen, und danach das Weitergeben und den Rückzug, den völligen Rückzug im Tod.
Machen wir damit auch Platz für unsere Errungenschaften und für unseren Namen?  Hört auch er nach einer Weile auf?
Wir machen auch mit unserem Namen Platz. Mit unserem Tod gehört er vielen. Er gehört vielen für eine Weile, solange er lebendig bleibt, doch ohne uns. Mit unserem Tod haben wir ihn abgegeben. Er wurde uns von unseren Eltern für eine Weile geschenkt. Mit dieser Weile hört er auf, umfassend auf, und mit ihm sein Platz.
Wie gebrauchen wir ihn solange wir leben? Wir gebrauchen ihn vorübergehend, erst mehr, dann weniger, am Ende auch mit unserem Nachlass, ohne Kampf und ohne Krieg.
Was geschieht dann mit uns mit unserem Tod? Mit unserem Tod hier sind wir wirklich am Ende und für etwas weit über unser Leben hier frei.


Mai 4: Der Schrei

Der laute Schrei, der uns im Innersten trifft, ist ein Hilfeschrei, vor allem der Hilfeschrei eines Kindes. Aber auch sonst ein Schmerzensschrei, der uns alles liegen und stehen lässt, um dem, der ihn schreit, zu Hilfe zu eilen. Zum Beispiel einem Ertrinkenden.
Auch ein Tier schreit, wenn es in Not ist, zum Beispiel ein Junges, wenn es Hunger hat. Auch her ist der Schrei oft ein Hilferuf und ei Schmerzensschrei. Umso bewegender ist es, wir sehen, wie ein Tier trotz allem, was wir ihm antun, verstummt, als wäre es bereits woanders, jenseits seines Lebens hier.
Anders ist der Angriffsschrei, ein Kriegsgeschrei, ein mörderisches Gebrüll, das dem Gegner Angst mache soll, ein Schrei wie von Sinnen, ein unmenschlicher Schrei, im Grunde ein Gebrüll. Abgeschwächt treibt dieses Schreien oder Brüllen eine Gruppe an, die andere angreifen soll und ihnen Mut macht, ihr Letztes einzusetzen. Zum Beispiel bei einem Fußballspiel.
Auf eine ähnliche Weise schreien de Anhänger eines Gottes und rufen ihm um Hilfe gegen einen Angreifer. Sie wollen, dass er eingreift gegen die anderen und sie vernichtet. Auch hier geht es u ein Kriegsgeschrei.
Wie ist es, wenn wir einen Schrei unterdrücken? Wenn wir, statt zu schreien still werden und uns in unser Schicksal ergeben? Werden wir schwächer, oder werden wir auf eine gesammelte Weise stark? Verlassen wir auf einmal das Getöse und werden still, gesammelt still, ergeben still?

Goethe sagt in seinem Vorgesang zur Tragödie des Faust:

Die Sonne tönt in alter Weise

in Brudersphären Wettgesang

und ihre vorgeschriebene Reise,

vollendet sie mit Donnergang.

 

Ihr Anblick gibt de Engeln Stärke.

Wenn keiner sie ergründen mag,

die unbeschreiblich hohen Werke

sind herrlich wie am ersten Tag.

Auch der Donner macht uns manchmal Angst. Doch er ist nur ein Nachhall, nachdem der Blitz ein-geschlagen hat. Wir zucken also vergeblich zusammen. Der Nachhall von jedem Donner verebbt, wie jedes laute Getöse nach einer Weile. Umso stiller wird es um uns und umso stiller werden wir.
Wo das Schreien aufhört, kehrt der Friede ein. Manchmal ist dieser Friede eine Todesstille, wie nach einer Schlacht. Nur das Siegesgeschrei geht weiter.
Am Ende hört jedes Schreien auf und die endlose Stille beginnt, eine ewige Stille. Wen können wir noch mit einem Schrei erreichen? Diese Stille ist mächtig, und sie ist voll, mit Liebe voll.


Mai 3: Der Tag

Unser Tag, unser neuer Tag, geht auf wie die Sonne. Er leuchtet. Mit ihm lassen wir die Nacht hinter uns und ihre verborgene Welt. Statt zurück, blicken wir nach vorn, dem neuen Tag entgegen. Er ist uns geschenkt.
Wie begrüßen wir ihn? Wir begrüßen ihn mit Freude. Wir spucken gleichsam in die Hände und packen an.
Er ist für viele andere ein neuer Tag, ein Tag, an dem vieles Alte vorbei sein darf. Sonst wird unser neuer Tag ein trüber Tag.
 Wie begegnen wir an diesem Tag den Menschen, die uns nahestehen? Wir begegnen ihnen mit leuchtenden Augen, vielleicht auch mit einem Kuss und beginnen mit ihnen gemeinsam unseren Tag.
Danach begegnen uns immer mehr Menschen an diesem Tag, mit denen wir etwas in Gang bringen oder, was liegen geblieben ist, wieder aufgreifen und fortführen. So reiht sich dieser Tag an viele frühere und setzt sie fort.
 Am frühen Tag haben wir die meiste Kraft. Daher beginnen wir am liebsten mit etwas, das uns die meiste Kraft kostet. Dann, nach einer Pause, setzen wir den Tag mit leichteren Arbeiten fort, bis zum Mittag. Der Mittag verlangt von uns eine längere Pause und eine gute Mahlzeit, mit der wir uns stärken.
Danach ruft der Tag uns zur nächsten Arbeit, bis wir gegen Abend müde werden und unsere Arbeit ruhen lassen.
Ihr folgt der schönste Teil des Tages, der Abend, an dem wir zurückblicken auf unser Tagwerk. Wir nehmen uns Zeit für unsere Lieben und gönnen uns etwas, das uns Freude macht und den Tag ausklingen lässt, bis wir müde werden und der Schlaf auf uns wartet.
Gehört die Nacht ebenfalls zu unserem Tag? Oft beginnt sie für ein Paar, indem sie sich noch eine Zeitlang innig in den Armen halten, bis sie selig einschlafen.
Was geschieht dann mit dem Tag? Er sinkt in eine andere Tiefe und in ein anderes Bewusstsein, im Einklang mit einer Kraft jenseits unseres Wachbewusstseins.
Mit ihm wird der Tag auf einer anderen Ebene weitergeführt und in sie mitgenommen. Dieses Traumbewusstsein rückt manches zurecht, was am Tag offen und unvollendet blieb. Zwar erinnern wir vielleicht nur wenig von dem, was in uns in der Nacht vor sich ging. Aber wir erwachen seltsam erleichtert und frisch und sehen manches klar, was verändert und anders ist.
Woher kam diese Klarheit? Eine naheliegende Erfahrung ist, dass ein Paar, das gemeinsam zur Ruhe sich noch mit Liebe in den Armen hielt und selig ihre Augen schloss und einschlief. Ihre Liebe war des Tages Krönung. Mit ihr durfte er vorbei sein, und ein neuer Tag darf neu beginnen.


Mai 2: Mein Herz

 

Mein Herz schlägt, es schlägt ununterbrochen. Stände es still, wäre mein Leben vorbei. Es schlägt, ohne dass ich an es denken muss. Es gehorcht einem anderen Gesetz, dem Gesetz des Lebens.
Wer hat dieses Gesetz erlassen? Wer hat uns ins Leben gerufen mit einem immerfort schlagenden Herzen
Waren es unsere Eltern? Konnten sie es zum Schlagen bringen und können sie es am Schlagen halten? Oder schlägt unser Herz, weil ihr Herz schlug und mit ihm ihre Liebe?
Unser Herz schlägt im Einklang mit einem ewigen Herzen, mit dem Herzen der Schöpfung, mit dem Herzen der Welt. Im Einklang mit diesem Herzen spüren wir unser Herz schlagen. Wir hören es auch schlagen, manchmal laut und manchmal leise, manchmal stockend, manchmal schnell. Manchmal schlägt es höher uns bis zum Hals vor Freude. Manchmal setzt es sogar aus, sodass wir erschrecken und fürchten: hört es zu schlagen auf?

Eine Frage ist: Wem gehört unser Herz? Gehört es uns? In wessen Händen wird es gehalten?

Also lege ich meine Hand auf mein Herz, vorsichtig und leise, und lausche auf sein Schlagen und jene ewige Macht, die es für mich in Händen hält mit Liebe.
Das Herz gehorcht. Wem gehorcht es? Gehorcht es mir? Oder muss ich ihm gehorchen? Es warnt es mich auch. Es zwingt mich innezuhalten, wenn ich zu weit gegangen bin. Mein liebes Herz, alle Liebe fühle ich in dir. Sie kommt von Herzen.
Was aber geschieht, wenn ich mein Herz verschließe? Verschließt es sich auch vor mir? Droht es mir, für mich zu schlagen aufzuhören, plötzlich und tödlich?
Also kehre ich zu seiner Liebe zurück und mache es weit, weit im Einklang mit einer ewigen Macht, die es für mich in Händen hält.
Die Frage ist: Was ist mit deinem Herzen? Achte ich es? Achte ich seinen Schmerz? Achte ich sein Verlangen? Achte ich seine Liebe? Schlägt mein Herz auch für dein Herz und mit deinem?
Kein Herz schlägt allein. Es schlägt immer fühlend, fühlend dafür und fühlend dagegen. Schlägt es wirklich auch dagegen? Kann es dagegen schlagen, ohne zu stocken und ohne zu brechen? Es warnt uns vor jedem Dagegen.
Manchmal bitten wir jemand und sagen: „Hand aufs Herz“. Was geschieht dann mit ihm und mit uns? Beide wissen wir, das Herz lügt nicht. Es kann nicht lügen. Es schlägt im Einklang mit einer ewigen Macht. Also schaue ich auf mein Herz mit Liebe, mit einer tiefen Liebe. Ich höre sein Schlagen mit Hingabe an jene schöpferische Macht, die es für mich in Händen hält, für mich and alle zugleich.
Was geschieht dann mit mir?
Ich bleibe in der Liebe, in einer umfassenden Liebe, in einer tiefen Liebe. Ich fühle mein Herz im Einklang mit einer ewigen Liebe und bleibe getrost. Ich und mein Herz bleiben in anderen Händen, in guten Händen, selbst wenn es aufhört zu schlagen.
Das Herz jener ewigen Macht, die meinen Anfang und mein Ende in ihren Händen hält, hält es immer in Händen. Sie hält es liebend in Händen selbst über dieses Leben hinaus, denn dieses Herz schlägt ewig.


Mai 1: Vielerlei

Das Vielerlei kann uns schnell verwirren. Dann verlieren wir den Überblick über das, was im Augenblick ansteht, und werden verwirrt.
Die Frage ist: Wie erkennen wir das Wesentliche, das Zukunft hat, und den nächsten Schritt, der weiterführt und zwar in mehrere Richtungen zugleich? Denn aus dem Wesentlichen führen mehrere Wege. Sie kommen aus der gleichen Kraft und führen zusammen, was sich, von außen gesehen, entgegenzustehen scheint, obwohl es aufeinander angewiesen ist und sich gegenseitig weiterbringt.
Das Gegenteil von Vielerlei, das auseinanderstrebt, ist das Viele, das seine Kräfte bündelt und mächtig nach vorne strebt. Obwohl im Einzelnen unterschiedlich, ist es von seiner Bewe-gung her gebündelt, nach vorne gebündelt wie eine Heerschar im gleichen Schritt und Tritt. Die Frage ist: Was bündelt das Vielerlei zu einem Ganzen? Es ist ein Wille, der die Richtung weist, ein gebündelter Wille, der jedes und jeden, der abweicht, zurücklässt, was immer sein Schicksal sein wird, denn einer führt und andere folgen.
Was befähigt den einen, zu führen? Er wird dazu berufen und über die Berufung befähigt und für etwas, das über ihn hinausreicht, in die Pflicht genommen.
Ist er dann frei? Kann und darf er wählen, als wäre er frei? Oder wird er von woandersher in Verantwortung genommen für viele? Können andere, die hinter und neben ihm stehen, ihm ins Wort reden oder versuchen,  an seiner Stelle die Zügel in die Hand zu nehmen und die Richtung weisen, in die das Ganze gehen muss?
Manchmal geht dieser Eine ein Stück weit alleine voraus, mit dem vollen Risiko, dass sein Alleingang in die Irre führt. Wenn es ihm gelingt, danach mit einem anderen Wissen zurückzufinden, gehen die, die ihm folgen, mit einer anderen Zuversicht nach vorne und mit einer anderen Treue. Nur die gebündelte Kraft führt diese Gruppe an ein Ziel, das alle mitnimmt, das sie gesammelt mitnimmt.  
Was also ist das Gegenteil von Vielerlei? Das Gegenteil von Vielerlei heißt Gesammelt. Dabei erscheint das Gesammelte am Ende wie weniger, doch mit einer ungleich größeren Kraft. Die Frage ist: Wohin führt diese Kraft? Sie führt zu etwas hin, das weiterbringt.
Was bringt sie weiter? Etwas, das vieles, das auseinanderstrebte, verbindet, das es auf etwas Gemeinsames hin verbindet, das allen gleichermaßen dient. Dem allen gemeinsamen Leben, einem gemeinsamen Glück, einer alle umfassenden Liebe, die nur eines im Blick hat, das Einzige, das am Ende zählt.
Die Rückkehr zum Anfang und seiner gesammelten Kraft, mit ihr schöpferisch eins, mit Liebe eins.


April 4: Der Fortschritt

Der Fortschritt macht eine doppelte Bewegung, eine Bewegung nach vorn und eine zurück. Wie kann die Bewegung zurück ebenfalls ein Fortschritt sein? Sie macht Platz für eine neue Bewegung, die fortschreiten muss, vielleicht neu fortschreiten muss, und das Frühere auf eine neue Weise fortsetzt. Wie, zum Beispiel, die Kinder das Leben ihrer Eltern.
Nur für den Einzelnen ist das Aufhören seines Fortschritts ein Rückschritt. Vom Ganzen her gesehen, ist er Teil eines auf vielerlei neue Weise Fortschreitens in eine bisher ungeahnte Weite, oft um einen hohen Preis.
Viele von uns haben Angst vor den Auswirkungen eines Fortschritts. Sie fürchten ihn, weil er ihnen zu weit geht und sie dabei zurücklässt. Dieser Fortschritt verlangt uns vielleicht etwas ab, das uns das Fürchten lehrt. Deswegen überlassen wir ihn lieber jenen, die nach uns kommen. Oder wir versuchen, ihrem Fortschritt Grenzen zu setzen, nur um nach einer Weile einzusehen, dass das Neue über uns hinwegschreitet in Bereiche, die uns das Letzte verlangen: Abschied und Ende auf der einen Seite, Einsatz und Zuversicht auf der anderen.
Jeder persönliche Fortschritt beginnt im Geist mit einer neuen Einsicht, und im Herzen mit dem Mut, sie zu verwirklichen, koste es, was es wolle. Der Fortschritt beginnt also im Geist und setzt sich fort im Tun. Noch etwas braucht der Fortschritt. Er braucht andere und sogar viele, die bereit sind, ihn mitzutragen, auch mit ihren Einsichten und ihrem Einsatz. Zugleich müssen wir bedenken: Jeder Fortschritt stößt auf Widerstand, oft sogar auf erbitterten Widerstand.
Wie gehen wir mit diesen Widerständen um, die oft um jeden Preis am Bisherigen festhalten wollen?
Wir geben ihnen Raum. Das heißt, wir lassen sie sein, wie sie sich zeigen, ohne uns gegen sie zu stellen, als seien sie unsere Feinde. Der Fortschritt setzt sich in jedem Fall durch, auch wenn erst nach einer Weile.
Wenn wir den Widerstand auf eine liebende Weise aushalten, gewinnt der Fortschritt in uns und bei denen, die sich ihm am Anfang entgegengestellt haben, an Kraft, an liebender Kraft. Sie nimmt ihm den anfänglichen Stachel und öffnet über ihn eine neue Weite, eine neue Weite der Liebe.
Jeder entscheidende Fortschritt ist ein Fortschritt der Liebe, einer Liebe, die verbindet. Daher beginnt er nach der entscheidende Einsicht in unserem Herzen mit eine anderen Liebe, mit einer großzügigen Liebe. Sie anerkennt die Grenzen dieser Liebe und mit ihr die Grenzen unserer Einsicht.
Der Fortschritt verlangt von uns ein stetiges Lernen und er verlangt die Bereitschaft, Neues zu wagen, auch um den Preis des vorläufigen Scheiterns. Daher verwirklichen wir das Neue Schritt für Schritt.
Der Fortschritt gehört zu einer ewigen Bewegung, zu einer ewigen schöpferischen Bewegung, bis diese aufhört.
Die Frage ist: Was ist mit denen, die sich dieser Bewegung entgegenzustellen versuchen? Hört diese Bewegung auf? Oder hören sie auf, unvollendet auf?
Umgekehrt, was stellt sich diesem vorzeitigen Aufhören in den Weg? Die Zuversicht, dass jeder Fortschritt in anderen Händen liegt, in liebenden Händen, in mächtigen Händen. Sie kennen keinen Widerstand. Sie schreiten ewig fort, bis alles zu ihnen heimkehrt. Bis es vollendet heimkehrt, fortschreitend heimkehrt, in ihre Bewegung mitgenommen, mit ihr ewig eins.


April 3: Zeitlos

Zeitlos ist für uns vor allem die Stille, die tiefe Stille. In ihr hört jede Bewegung auf. Zeit gibt es nur für eine Bewegung. Hört die Bewegung auf, steht auch die Zeit still.
Wenn wir jemanden fragen: „Hast du Zeit für mich“? und er diese Frage bejaht, beginnt eine Bewe-gung, eine Bewegung der Zuwendung von beiden Seiten.
Umgekehrt, wenn jemand sagt, er hätte keine Zeit für mich, beginnt auch eine Bewegung, diesmal eine Bewegung auseinander.
Das Zeitlose bleibt stehen. Es hält inne. Das Zeitlose bleibt ohne Bewegung. Von daher erscheint es uns leer. Weder gibt es für uns in dieser Leere etwas zu tun, noch zu denken, noch wahrzunehmen.
Dennoch erleben wir die zeitlose Leere unendlich. Aus ihr kommt die Zeit. Aus ihr kommt jede Zeit, sobald aus ihr etwas Seiendes ans Licht kommt, ans Licht mit etwas, das scheint. Das Leere können wir uns nur dunkel vorstellen, wie eine unendliche Nacht, eine tiefe Nacht. Dennoch kommt aus dieser Leere alles Seiende ans Licht. Erst mit dem Licht beginnt seine Bewegung und mit ihr die Zeit. Hört diese Bewegung auf, endet mit ihr ihre Zeit.
Wozu lasse ich mich auf diese Überlegungen ein?
Wir spüren ein tiefes Verlangen, dass auch unsere Zeit aufhört. Zum Beispiel, dass unser Leben aufhört, die Sehnsucht, dass es nach einer Zeit endet.
Die Frage ist: Ist es wirklich vorbei? Oder ist nur ein Abschnitt vorbei, weil es mit dem Tod auf eine andere Weise weitergeht, vielleicht sogar unendlich?  Wie sonst erfahren wir uns mit vielen unserer Vorfahren weiterhin eins? Wie sonst erfahren wir, dass diese Toten in uns weiterleben, dass sie uns manchmal zu Hilfe eilen? Dass sie auch an uns zehren, dass sie uns mit in ihren Tod ziehen und in ihre Zeit, in eine weitergehende Zeit?
Was wäre hier für uns das ersehnte Ziel? Wie befreit könnten wir uns fühlen, wenn ihre Zeit vorbeiwäre und sie in jene Leere zurückfinden, in der die Zeit endet? Wären wir ebenfalls von unserer Zeit frei, frei für die Heimkehr zu unserem Ursprung, in ein ewiges Nicht?
Die Frage ist: Erfahren wir uns manchmal bereits hier zeitlos? Hört die Zeit für uns manchmal auf und steht still? Wir erfahren sie still in einem seligen Augenblick, als würde sie stehen. Zum Beispiel in der Liebe. Jede Einheitserfahrung ist zeitlos. Vielleicht hat nur das Getrennte eine Zeit. Zeitlos wird die Einheit, das Ende einer Bewegung, die eins geworden ist.
Hier höre ich mit diesen Überlegungen auf. Wohin sollte für mich noch etwas weitergehen? Hier beginnt die ewige Zeit. Wie? Zeitlos.


April 2: Freunde

Freunde sind selten. Ein Freund steht uns zur Seite, ohne von uns etwas zu erwarten. Er ist als Freund nur da, vor allem in Zeiten der Not. Ein Freund ruht in sich selbst. Auf diese Weise werden wir selbst auch zu Freunden, vor allem zu Freunden in der Not.
Ein Freund ist verschwiegen. Freunde vertrauen sich einander nur wenig an. Wenn ja, lassen sie es in eine Tiefe sinken, in der es zur Ruhe kommt wie in ein ewiges Vergessen.
Freunde gehen ihre eigenen Wege. Nur gelegentlich begegnen sie sich, mit Achtung und Freude. Sie tauschen sich aus und gehen wieder ihre Wege, voneinander bereichert.
Freunde hüten ihren privaten Bereich, den sie gegen Außenstehende schützen. Hier erden ihre Geheimnisse gehütet. Diese Verschwiegenheit verbindet, weit über andere Beziehungen hinaus. Hier sind sie zuhause.
Es gibt auch eine Freundschaft aus der Ferne. Zum Beispiel zwischen Lehrern und Schülern, lang nachdem sie sich aus den Augen verloren haben. Es ist eine Freundschaft der Herzen, eine Freundschaft guter Erinnerungen, Freundschaft vom Lehrer, Dank vom Schüler. Beide bleiben in ihrem Kreis und dennoch auf eine tiefe Weise weiterhin eins.
Es gibt auch eine Freundschaft zwischen Kameraden. Zum Beispiel zwischen Schulkameraden. Sie alle gehen ihre eigenen Wege. Dennoch freuen sie sich über spätere Begegnungen und stehen wenn nötig einander auf eine kameradliche Weise bei, wobei jeder vom anderen unabhängig bleibt. Diese Kameradschaft lebt von Erinnerungen, ohne intim zu werden.
Freundschaften bleiben manchmal auch nach einer Trennung, nach einer einvernehmlichen Trennung. Zum Bespie von einem Paar. Sie sind getrennt, tauschen sich manchmal aus, aber nur vordergründig. Sie halten ihre gemeinsamen Erfahrungen in einer liebevollen Erinnerung. Diese freundliche Erinnerung wirkt wohltuend weiter in späteren Beziehungen und auch wenn sie allein bleiben.
Wir haben auch Freunde aus unserer Vergangenheit und aus früheren Leben. Wie zeigen sie sich?
Oft unverhofft, wenn wir unsere inneren Grenzen überschreiten. Zum Beispiel wenn wir in unsere Aura gehen, über die Grenzen unserer Haut hinaus. In ihr ist unsere Vergangenheit weiterhin wirksam und da, und die sind da, die wir einmal waren und jetzt noch sind.
Viele in diesem Bereich warten darauf, dass sie unsere Freunde sein dürfen, endlich unsere Freunde. Wie? Wir schauen über unser jetziges Leben zurück und fragen uns, wie viele seltsame Symptome uns manchmal über lange Zeit begleiten. Wir stellen sie symbolisch vor uns hin in einiger Entfernung, uns warten, bis sie zu uns zu sprechen beginnen. Welche tiefen vergessenen Freunde beginnen auf einmal sich vor uns zu stellen, mit einer Bitte und mit ihrer Liebe.
Von da an finden sie einen Platz in unserem Herzen und in unserem Körper. Wir sind wieder Freunde.


April 1: Glück gehabt

Das Glück überrascht. Es ist immer etwas plötzlich Gelungenes, etwas gut Gelungenes. Die Frage ist: Woher kommt dieses Glück? Wir erleben es plötzlich von woanders her gekommen, plötzlich und zur rechten Zeit.
Die andere Frage ist: In welcher Welt leben wir, in der uns laufend ein solches Glück begegnet? Ist es eine Welt jenseits unserer Sinne und jenseits unserer Vorhaben und Ängste? Oft, wenn wir uns in Gefahr begeben, rechnen wir mit diesem Glück, ja wir fordern es auch heraus, und wir erschrecken, wenn es uns unerwartet verlässt.
Die Frage ist: Kommt dieses Glück von einer Person, zum Beispiel von einem Schutzengel, wie wir ihn als Kinder uns manchmal vorgestellt haben? Auf jeden Fall kommt dieses Glück von einer wissenden Kraft, der unser Leben und unser Heil am Herzen liegt. Von daher verlassen wir uns auf diese Glück oft blindlings und spielen auch mit  ihm wie Kinder gegen alle Vernunft.
Ist uns das Glück manchmal böse, wie wir meinen könnten, wenn es uns im Stich lässt? Oder warnt es uns, damit wir vorsichtiger werden? Wie reagieren wir vernünftig, wenn wir vom Glück auf diese Weise gewarnt werden? Fordern wir es ein weiteres Mal unvernünftig heraus, oder nehmen wir seine Warnung ernst?
Diese Warnung ernst zu nehmen, würde von uns verlangen, ein gefährliches Spiel für immer zu lassen, es dankbar zu lassen. Wir können bei uns überprüfen, was geschieht dann mit unserer Kraft? Wird sie weniger? Wird sie mehr? Sind wir endlich erwachsen geworden und für Größeres  bereit?
Das größte Glück erfahren wir im Herzen in der Liebe zwischen Mann und Frau. Es ist ein heiliges Glück. Über dieses Glück erfahren wir uns ganz und voll. Dürfen wir mit diesem Glück spielen, mit der Folge, dass es uns verlässt? Wie macht uns dieses Glück am vollsten glücklich? Das vollste Glück sind am Ende unsere Kinder. Was immer sie uns abverlangen, wir schauen am Ende über diese Mühen hinaus in leuchtende Augen.
Natürlich steht diesem Glück oft etwas Entscheidendes im Weg, unsere Sorgen um sie und eine drückende Last auf unseren Schultern. Die Frage ist: Wie gewinnen wir das volle Glück mit ihnen zurück? Wir werden mit ihnen wieder Kinder, glückliche Kinder, und werden mit ihnen noch einmal groß, spielerisch groß. Es gibt auch ein verborgenes Glück. Zum Beispiel eine plötzliche Erleuchtung. Können wir sie sagen? Oder verliert sie damit ihre Kraft? Wir müssen sie für uns behalten, wie ein persönliches Geschenk. Sie sinkt in uns in eine verborgene Tiefe. Aus dieser steigt sie auf zur rechten Zeit und wieder in diese Tiefe zurück.
Die Tiefe selbst, die uns an sich zieht, ohne sich zu offenbaren, erfahren wir als stilles Glück, ohne dass wir es an uns ziehen können. Es ist ein Glück, das bleibt.


März 5: Das Universum

Wo befindet sich das Universum, in dem wir leben? Befindet es sich außerhalb von uns als uns gegenüber? Sind wir ein Teil von ihm, ihm ausgeliefert und von ihm getragen? Oder ist es ein Teil von uns, sodass wir, wenn wir uns ihm mit unseren Sinnen aussetzen, letztlich nach innen blicken, in unser Inneres, in eine Dimension unseres Körpers und seiner Sinne, sodass wir uns in der uns vorgegebenen Innenwelt bewegen, in einer von uns nach außen projizierten Innenwelt?
Hat nicht jedes Lebewesen in unserem von unseren Sinnen wahrgenommenen Universum ein eigenes Universum, wie es den ihnen geschenkten Sinnesorganen entspricht? Hat zum Beispiel eine Ameise ihr eigenes Universum, und ein Frosch sein eigenes, und ein Baum und jede Pflanze ihr jeweils eigenes und anderes?
Diese Unterschiede können wir bis zu einer uns vorgegebenen Grenze erforschen, vor allem mit Hilfe der von uns mit unseren Sinnen und unserem Geist entwickelten Instrumenten, obwohl wir mit unseren Sinnen selbst es nur beschreiben, ohne es mit ihnen unmittelbar erfassen zu können.    
Warum mache ich mir darüber Gedanken? Was müsste sich bei mir in meiner Lebensweise verändern, um innerlich dem mir sich von außen zeigenden Universum zu entsprechen?
Das Universum in seiner Ausdehnung und in seiner Bewegung ist letztlich eine Innenschau. Wir begegnen ihm innen, nur innen im Rahmen der uns vorgegebenen Wahrnehmungssinne und von daher zugleich unendlich begrenzt. Von daher gibt es für jedes Lebewesen ein eigenes Universum, ein begrenztes Universum, begrenzt durch die ihm vorgegebenen Sinne. Sie alle sind einzigartig, niemals universal, jedoch ein Wunderwerk, das wir als eine eigene Lebensform innerhalb der uns gesetzten Grenzen erahnen, jedoch nie erfassen können. Wieso? Weil unsere Sinne uns für das uns geschenkte begrenzte Leben genügen.
Die Frage ist: Wohin werden wir letztlich geführt, wenn wir das Universum als ein begrenztes inneres Universum anerkennen und begreifen? Statt in die Ferne bis an die Grenzen des uns mit unseren Sinnen und mit unseren Geist wahrnehmbaren Universums scheinbar außerhalb von uns zu schauen, auch mit Hilfe unser hochentwickelten Teleskope, blicken wir in die Tiefen unseres Körpers und unserer Seele und setzen uns ihrer in uns wirkenden Unendlichkeit aus, uns andächtig aus. Wie? Demütig, uns der uns vorgegebenen Grenzen gewahr, uns ihrer umfassend gewahr.
Was verändert sich für uns in unserer Haltung dem uns sich offenbarenden Universums gegenüber?
Statt in eine Bewegung jenseits unserer sogenannten äußeren Wahrnehmung zu gehen, mit dem Blick auf eine schöpferische Macht jenseits von ihr, geht unsere Bewegung nach innen und über unser Inneres hinaus zu etwas, das wir mit unserem Gefühl erahnen, es innen erahnen, ohne es beschreiben zu können. Doch es wird uns bewusst, dass alles, was wir nach außen unternehmen, um das uns mit unseren Sinnen und unserem Geist wahrnehmbare Universum zu erfassen und ihm auf die Spur zu kommen, oft mit der Angst, dass wir ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, zutiefst eine innere Bewegung bleibt, und uns innen, nur innen, seine Grenzen zeigt.
Innerhalb dieser Grenzen bleibt für uns die Ahnung, dass eine schöpferische Macht sich hinter unendlich vielen Universums offenbart, in jedem von ihnen in unserem Inneren, wie es für uns erschaffen ist, begrenzt und unendlich zugleich.


März 4: Durchhalten

Am Ende des letzten Krieges gab es in Deutschland viele Durchhalteparolen, selbst als dieser hoffnungslos verloren war. Durchhalten hieß hier, selbst wenn alles verloren scheint, an einem Glauben festzuhalten, der allseitig zusammenbrach. Wie groß muss dieser Glaube gewesen sein, dass er bis zum bitteren Ende viele mit sich in den Tod riss, und wie verzweifelt zugleich?
Durchhalteparolen gibt es nur bei einer verlorenen Sache. Zugleich gibt es diese auf beiden Seiten, auf der Seite der Verantwortlichen und auf der Seite derer, die ihnen ausgeliefert sind, selbst um den Preis ihres Lebens.
Was ist das Gegenteil von Durchhalten? Etwas ganz Schlichtes. Dieses Durchhalten endet mit dem Aufhören, mit dem Aufhören auf vielen Ebenen, mit dem handelnden Aufhören, einem kraftvollen Aufhören.
In Dantes göttlicher Komödie steht über dem Eingang zur Hölle geschrieben: „Wer hier eintritt, lasse alle Hoffnung fahren“. Hier gibt es weder ein Durchhalten noch ein Handeln. Hier ist alle Hoffnung vorbei, auch jeder Glaube.
Jene, die diesen Durchhalteparolen folgten, waren keine Gläubigen, die frei waren. Nur ihre Anführer waren frei, so zumindest scheint es. Oder waren auch sie einer übergeordneten Macht ausgeliefert, wie zum Beispiel Jesus am Kreuz? Ist nicht der Glaube an ihn eine einzige Durchhalteparole?
Die Frage ist: Wie entgehen wir solchen Parolen? Welche Durchhalteparolen werden weiterhin ausgegeben, allen ihnen widersprechenden Tatsachen zum Trotz?
Eine von diesen Parolen ist die Freiheit, die persönliche Freiheit und die Freiheit der größeren Gruppe, der wir durch unsere Herkunft angehören und für deren Wohl und Überleben wir bereit sind, selbst unser Letztes zu geben, unsere Zukunft und unser Leben? Auch hier gilt der Satz: Am letzten stirbt die Hoffnung.
Die Frage ist: Wie entgehen wir dieser Hoffnung und ihren Folgen?
Wir bleiben beim Augenblick. Wir bleiben bei unserem Leben jetzt, ohne Hoffnung, doch mit Liebe. Diese Liebe vor allem gilt es durchzuhalten, die Liebe für alle, wie sie sind, auch für die, auf deren Durchhalteparolen wir geantwortet haben. Stattdessen halten wir durch mit einer anderen Liebe, mit einer wachen Liebe, mit einer Liebe, die zur rechten Zeit aufhört und von vorne beginnt.
Wie? Wach, mit beiden Füßen auf dem Boden, der trägt, Schritt für Schritt, im Dienst des Lebens, das weitergeht für alle. Auf eine andere Weise tapfer, wissend tapfer, für eine neue Zukunft offen und für sie handelnd bereit.


März 3: Geführt

Wohin wir auch gehen und wohin wir uns auf den Weg machen, wir erfahren uns geführt. Zwar denken wir oft, wir hätten den Weg gewählt, er sei das Ergebnis einer persönlichen Entscheidung. Zum Beispiel, wenn wir uns mit einem Partner auf Lebenszeit verbinden, nur um am Ende zu erkennen, dass andere Mächte uns verbunden haben, in deren Dienst wir durch unsere freie Entscheidung gestellt wurden. 
Wie verstiegen diese Vorstellung sein muss, sehen wir daran, dass in unserem Körper in jedem Augenblick Milliarden Bewegungen ablaufen, ohne die wir sofort unser Leben aushauchen müssten. Zum Beispiel, wenn unser Atem versagt.
Die Frage ist: Wie werden wir von anderen Kräften geführt? Wie werden wir von ihnen in ihren Dienst genommen? Immer von Augenblick zu Augenblick, ohne dass wir den nächsten Augenblick vorhersehen oder festlegen können. Zum Beispiel bei einem Herzschlag. In jedem Augenblick liegt unser Schicksal in anderen Händen, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod. 
Seltsam, wie oft wir versuchen, dieser Führung zu entrinnen. Zum Beispiel durch unsere weit-tragenden Pläne, auch durch unser Bedauern, wenn wir an Grenzen gestoßen sind und ein Schicksalsschlag plötzlich alles anders werden lässt, als wir es erwartet und erhofft hatten. Plötzlich halten wir inne und halten Ausschau nach einer Führung von woanders, nach einer uns bisher verborgenen Führung.
Die Frage ist: Wo und wie begegnen wir dieser Führung? Begegnen wir ihr außen, außerhalb von uns? Begegnen wir ihr innen, tief in unserer Seele? Begegnen wir ihr zum Beispiel in einem Traum? Begegnen wir ihr in einer plötzlichen Eingebung? Begegnen wir ihr, indem wir plötzlich innehalten müssen, weil uns alles aus den Händen fällt, was uns bisher weiterhalf? Auf diese Weise begegnen wir einer Führung tief in unserem Inneren.
Können wir uns auf diese Führung einstellen? Müssen wir es sogar?
Wir stellen uns ein durch einen Abschied. Wir lassen etwas zurück, das bisher weiterhalf. Zum Beispiel ein Können. Zum Beispiel ein Erfolg. Zum Beispiel eine Beziehung. Auf einmal stehen wir mit leeren Händen da. Scheinbar.
Erst über einen Abschied werden wir in eine andere Zukunft geführt. Wie? Schritt für Schritt, über ein laufenden Innehalten, bis uns der nächste Schritt einholt oder vorwärtsdrängt.
Dazwischen holt uns auch das Misstrauen ein. Wir fragen und: Ist dieser Schritt der richtige? Was verlangt er von uns? Sind wir für ihn offen und bereit?
Wie finden wir auf diese Fragen eine Antwort? Wir finden sie in der Stille, oft in einer langen Stille, in einer dunklen Nacht des Geistes.
Dennoch leben wir weiter, allerdings anders. Furchtlos, weil wir im Augenblick bleiben, und ziellos, weil uns der Augenblick führt. Und wir leben gesammelt, in einer gesammelten Fülle, voll im Augenblick.
Kann uns hier etwas danebengehen? Kann uns etwa festhalten? Kann uns etwas das Leben nehmen, wie es uns von tragenden Kräften vorgegeben und geschenkt ist?
Hier verschwimmen die Grenzen von Leben und Tod. Die Grenzen von mir und dir, von Unglück und Glück. Hier gibt es keine Verlassenheit. Nur wissen wir nicht die weiteren Schritte auf das Nächste hin. Weder bei uns noch bei anderen. Wissen wir die Wege der Sterne? Wissen wir ihren Anfang und ihr Ende? Wissen wir etwas über die Zeit, die ihnen bleibt? 
Die andere Frage ist: Wissen sie etwas über uns? Weiß das Weltall etwas über uns und unsere Zukunft? Diese Fragen sind müßig. Sind die anderen Fragen über unsere Zukunft weniger müßig? Zählen sie? 
Dennoch wissen wir uns auf vielerlei Weise geführt, in jedem Augenblick wissend geführt. Wo bleibt dann unsere Sorge? Wo bleibt unsere Zukunftsangst? Im Blick auf unser Innerstes, dort, wo wir uns in jeder Hinsicht auf eine umfassende Weise geführt erfahren, treten diese Fragen in den Hintergrund. Diese gibt es nur im Augenblick. 
Der Augenblick ist da, mächtig da, umfassend da, geführt da. Er ist unsere Zukunft, unsere geführte Zukunft – jetzt.


März 2: Überzogen

Wenn etwas zu weit geht, sagen wir, es sei überzogen. Zum Beispiel manche Behauptung, aber auch manche Erwartung und viele trügerische Hoffnungen. Aber auch umgekehrt, sind viele Ängste überzogen und vielerlei Sorgen um uns und andere. 
Vieles wird bewusst überzogen, um andere zu täuschen. Wir sprechen dann von einem falschen Spiel. Doch alles Überzogene bricht nach einer Weile zusammen und fällt zurück in seine Grenzen. Überzogen sind viele Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder haben, und umgekehrt Kinder an ihre Eltern. Bleiben diese Erwartungen aus, folgt eine tiefe Enttäuschung. Doch auch sie ist über-zogen. Wir sagen dann: Jemand schüttet das Kind mit dem Bad aus. 
Letztlich geht es immer um das rechte Maß, das seine Grenzen kennt, die eigenen Grenzen und die Grenzen seines Nächsten. Auf diese Weise gehen viele Versprechen zu weit und die an sie geknüpften Hoffnungen. Hier hilft es, von vorneherein Abstriche zu machen, bei uns und bei anderen, auch hier, ohne sie zu überziehen. 
Von was habe ich bisher gesprochen? Ich habe vom gewöhnlichen Leben gesprochen und den uns im Alltag gesetzten Grenzen. Es sind heilsame Grenzen, sichere Grenzen. Wir bleiben gelassen und andere auch. Überzogen werden viele Preise. Sie wollen mehr als sie verdienen. Was ist die Folge? Wir gehen an ihnen vorbei. Der angemessene Preis, der hält, was er verspricht, zieht Kunden an. Dies gilt übrigens auch für viele Beziehungen. So ist zum Beispiel ein Porsche ein überzogener Preis für die Liebe. Er fährt der Liebe davon.
Überzogen sind alle Religionen. Überzogen ist bei vielen Religionen ihr Prunk. Er ist überzogen wie viele ihrer Versprechen. Überzogen ist alles, dem ein Denkmal gesetzt wird. Kein Toter dreht sich nach ihm um. 
Dem Überzogenen setzen wir Grenzen, indem wir vor ihm Halt machen und uns lächelnd von ihm zurückziehen. Wohin? Zum einfachen Nahen. Dies gilt ebenso für unsere Errungenschaften und unsere Einsichten. Nach einer Weile ereichen sie von selbst das ihnen zukommende Maß, ein gewöhnliches Maß. Habe ich mit diesen Überlegungen ebenfalls überzogen?  Ist es Ihnen zuviel geworden?
Also kehre ich zum Einfachen zurück und zu seinen Grenzen. Auf einmal wächst aus ihm ein Baum, ein begrenzter Baum. Nach einer Weile trägt er Frucht, mehr als er für sein Fortleben braucht. Ist er zu weit gegangen?
Kein Überfluss ist überzogen und so ist auch kein innerer Reichtum, wie immer er sich zeigt. Wir kosten seine Fülle, auch wenn vieles mehr ist, als wir nehmen können. Dieser Reichtum kommt von innen.
Für wen? Für alle, denn er fließt weiter. Wie? Für alle mit Liebe.


März 1: Der Verzicht

Manchmal müssen wir verzichten, vor allem, wenn wir nicht genug zum Leben haben. Dann schränken wir uns ein, bis die Umstände es uns erlauben, wieder mehr zu besitzen, mit dessen Hilfe wir unser Leben sichern.
Dieser ist ein notwendiger Verzicht. Viele Menschen und ihre Kinder werden durch die Umstände dazu gezwungen.
Neben diesem notwendigen Verzicht gibt es auch einen freiwilligen Verzicht. Wir nennen ihn Askese. Mit Hilfe dieses Verzichts verlangen einige nach einem geistigen Gewinn. Sie erwarten von weniger mehr.
Wir finden diesen Verzicht bei vielen, die gleichzeitig auf eine Paarbeziehung und auf eigene Kinder verzichten. In diesem Sinne werden eine Paarbeziehung und eigene Kinder diesem Verzicht nachgeordnet.
Es fragt sich, wie kann unser Leben hier mit dem, was es von uns verlangt und zugleich schenkt, weniger sein als dieser geistige Gewinn, zumal jene Kraft, die hinter diesem Gewinn vermutet wird, als die schöpferische Macht hinter allem, was da ist, verehrt wird.
Eine weitverbreitete Vorstellung, die hinter solch einer entsagenden Lebensweise wirkte, war das Verlangen, den Engeln gleich zu werden. Sie fand sich bei den Mönchen und Einsiedlern im alten Ägypten und noch weit ins Mittelalter hinein. Sie wirkt auch heute noch in vielen spirituellen Bewegungen, zum Beispiel bei vielen Yogis.
Es steht mir nicht zu, es zu beurteilen oder zu verurteilen. Mein Blick bleibt auf das gewöhnliche Leben gerichtet. Dieses Leben gibt es nur mit Männern und Frauen und Kindern und mit Essen und Trinken und Arbeiten, und natürlich mit Liebe und Freude. Sollten wir auf nur eines von diesen verzichten, wären wir für auf eine Weise fähig zu leben, die unser Leben auf eine volle Weise weiterbringt? Wenn wir auf dieses sogenannte Spirituelle verzichten, was geschieht mit uns?
Wir bleiben menschlich. Wir bleiben liebens-wert. Wir bleiben allen Menschen gleich. Wir bleiben auf der Erde. Sie trägt uns. Sie ist das große Wunder.
Den Verzicht gibt es auch auf der Ebene des Geistes. Zum Beispiel den Verzicht auf viele Ängste, den Verzicht auf unsere Unschuld, den Verzicht auf einen Himmel und eine Hölle, den Verzicht auf die sogenannte Reinheit und eine geistige Maßlosigkeit und hier in jeder Hinsicht den Verzicht auf Recht und Unrecht.
Was ist das Ergebnis? Wir bleiben liebenswert und jeder andere auch. Hier haben wir alles und schenken alles, und wir kommen und gehen wie alle zu unserer Zeit.


Februar 4: Die Tat

Viele Vorbereitungen führen am Ende zur entscheidenden Tat. Von ihr hängt das Entscheidende ab. Allein sie zählt.
Jede Tat folgt einer Entscheidung. Sie ist das Ergebnis einer Entscheidung. Diese Entscheidung fällt mit dem Wort „Ja“.
Eine Entscheidung mit weittragenden Folgen ist das Ja von Mann und Frau bei ihrer Hochzeit. Von da an bleiben sie ein Laben lang ein Paar mit allen Folgen. Von allen von uns geforderten Entscheidungen führt dieses Ja zur größten Tat, zur eigentlichen Tat, auf die es ankommt. Sie führt zur Weitergabe des Lebens. Alle anderen Taten begleiten und sichern diese Tat. Die Frage ist: Was geschieht mit dieser Tat, wenn wir mit ihr spielen? Was geschieht mit uns, wenn wir mit ihr spielen? Was geschieht mit unserem Leben und seinen anderen Erfolgen? Zählen sie?
Manchmal sprechen wir von Tatmenschen und von ihren großen Taten. Kommt eine von ihnen dieser Tat gleich? Sie ist die Hoch-Zeit des Lebens. Sie verlangt von uns das Größte. Sie steht vor und hinter allen anderen Taten. Zugleich ist sie die spirituellste Tat. Sie verlangt von uns das Letzte. Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Zu was habe ich mich mit diesen Sätzen hinreißen lassen, überheblich hinreißen lassen? Wie kann diese zutiefst persönliche von allen Taten die größte sein? Jede Tat verlangt nach einer Fortsetzung, damit sie weitergeht. Die Frage ist: Was kann und darf sie Größeres fortsetzen, wenn nicht ein eigenes Kind? Ohne Kinder bricht jede Tat nach einer Weile zusammen, es sei denn, sie dient vielen Kindern und ihren Eltern. Damit werden diese Taten eine Fortsetzung der Hochzeit, ihre Übertragung auf das Leben von vielen. Am Ende dienen alle erfolgreichen Taten dem Leben, weit über das eigene Leben hinaus. Was ist bei unseren Taten vor allem zu bedenken? Wir bedenken in jedem Augenblick, inwieweit sie dem Leben dienen. Dies gilt auch für unseren Besitz, zum Beispiel für ein Haus. Ein Haus umschließt uns und unsere Familie und bleibt Anfang und Ende unserer Taten. Hier stellt sich eine weitere Frage: Was ist mit den Taten, die das Leben von uns und anderen gefährden und es vernichten, und damit unsere anderen Taten? Diese Taten verlangen von uns das Letzte. Sie sind der entscheidende Anstoß sowohl für Kriege als auch den Frieden. Sie halten uns in Schach und spiegeln wider, welche Kräfte hinter allem wirken, aufbauend und zerstörerisch zugleich. Wie stellen wir uns diesen Kräften? Ebenfalls mit Taten, oft mit letztem Einsatz, selbst dem Einsatz unseres Lebens.
Goethe fasst diese Erfahrungen zusammen in einem einzigen Satz: Er heißt: „Am Anfang war die Tat“. Manchmal bleiben wir untätig, wie einige es für ihr Leben erträumen. Leben sie noch?


Februar 3: Lauschen

Wir lauschen angespannt, damit uns kein Ton entgeht, vor allem kein leiser Ton. Wir lauschen mit all unseren Sinnen und vibrieren sogar dabei, manchmal auch, indem wir eine Gänsehaut bekommen.
M
anchmal lauschen wir auch ohne Ton. Zum Beispiel auf eine innere Stimme. Sie ist immer ein Hinweis. Sie kommt aus einem anderen Bereich, jenseits unserer Sinne und dennoch klar. Auf sie reagieren wir mit unseren inneren Sinnen, oft auch mit einem unmittelbaren Gefühl, das uns von innen her zum Handeln zwingt. Zum Beispiel mit Angst. Das gilt vor allem für die Stimme unseres Gewissens, unseres schlechten Gewissens.
Auf diese lauschende Weise hören wir manchmal einen inneren Satz und ein inneres Wort klar und deutlich. Oft ist es eine entscheidende Einsicht, zum Beispiel  eine Warnung, die uns innehalten lässt, oder ein Hinweis auf das nächste fällige Tun.
Woher diese Stimme kommt und woher dieser entscheidende Hinweis, wissen wir nicht. Wir erfahren ihn, als käme er von außen, von jemandem oder von einer verborgenen schöpferischen Macht, die unser Leben lenkt.
Was wir auf diese Weise lauschend erfahren, wirkt über uns hinaus auch auf andere, mit denen wir uns verbunden wissen, sodass wir, was wir auf diese Weise lauschend erfahren, ihnen mit unserer Stimme sagen, sodass sie es auch mit ihren Ohren hören und über sie mit ihrem Gefühl.
So viele Stimmen gibt es in der Welt, laute und leise, von außen und von innen. Sie alle berühren uns unmittelbar und führen uns auf eine erhellende und sichere Weise.
Es gibt auch Stimmen, die uns mitreißen, oft zu unserem Verderben, äußere und innere. Vor ihnen verschließen wir am besten unsere Ohren, auch unsere innere Ohren, und lauschen auf eine leise Stimme, die uns warnt.
Den lauten inneren Stimmen erfahren sich viele ausgeliefert, vor allem in einer lauten Gruppe mit Kriegsgeschrei. Sie werden von diesem Geschrei mitgerissen und verlieren den Einklang mit der leisen liebenden Stimme, die zu unserem Herzen spricht.
Die Frage ist: Wie finde wir zurück zu jenem liebenden Lauschen, das uns vor jedem Kriegsgeschrei in Schutz nimmt und vor seinen Gefahren? 
Der erste Schritt in diese Stille ist der Rückzug, weg vom Lauten, weg von seinem Kriegsgeschrei, vor dem wir unsere Ohren zuhalten, zurück in das innere Lauschen. Lauschend finden wir zurück in etwas für uns Unendliches, bis wir in ihm aufgehen, bis wir in ihm gesammelt aufgehen mit unseren inneren und äußeren Ohren weit offen. 
Sie sind offen für das Leise, das tiefe Leise, das unsere Haut zur Gänsehaut werden lässt, im Innersten vibrierend, viele Stimmen hörend und über sie lauschend mit etwas Ewigem eins, mit Liebe eins.


Februar 2: Der Sinn

Was immer wir unternehmen, nach einer Weile fragen wir uns: Macht es für uns Sinn? Führt es zu etwas, das Sinn macht?
Die andere Frage ist: Was heißt hier Sinn? Sinn macht allein, was dem Leben dient. In erster Linie unserem Leben, in zweiter Linie de Leben derer, die uns nahestehen, also unserem Lebenspartner und unseren Kindern. Um sie kreist unser Sinnen, das Sinn macht.
Die gleiche Frage stellt sich umgekehrt. Was von dem, was wir denken und tun, erweist sich als sinnlos? Was läuft am Sinn des Lebens vorbei, am Sinn unseres Lebens und am Sinn des Lebens derer, mit denen wir unser Leben teilen.
In erster Linie sind es viele Gedanken und mit ihnen Wünsche und Träume. Sie führen dazu, dass wir etwas Sinnloses wollen, das unserem Leben mehr schadet statt es zu fördern und zu erhalten, unser Leben und das Leben von anderen, vor allem das Leben von unserem Partner und unseren Kindern.
Inzwischen ist bereits deutlich geworden, dass sich die Sinnfrage innerhalb eines Kreises bewegt, der uns zum Greifen nah bleibt. Sie richtet sich auf das Nächste. Sinnvoll leben wir, wenn wir beim unmittelbar Nahen bleiben und in diesem Sinne vor allem bei der Liebe.
Von daher erweist sich als sinnlos vor allem, was unserem Ruhm dient, einem selbstbezogenen Ruhm, vor allem, wenn wir träumen, dass er nach unserem Leben weitergeht.
Letztlich erweist sich jeder Ruhm als sinnlos, es sei denn, er dient einer Sache und dem Leben vieler. Dann steht hinter ihm ein Leben und ein Tun, das anderen zugute kommt, jedoch immer für eine Weile. Auch hier bleibt der Sinn nahe am Unmittelbaren und hört nach einer Weile auf.
Von daher macht auch das Aufhören Sinn, das Aufhören zur rechten Zeit, und der Rückzug. Mit dem Rückzug nehmen wir vieles Sinnvolle mit uns, eine sinnvolle Gelassenheit und eine sinnvolle Freude.
Hier macht vor allem das Kleine Sinn und das Gewöhnliche, auch die Sorge für jene, die nach uns kommen und die manches von dem, was sinnvoll in unserem Leben war, auf eine sinnvolle Weise weitergeben. Danach macht auch der Tod Sinn, der Tod zur vollen erfüllten Zeit, und nach einer Weile das Vergessenwerden. 
Sinn macht immer, was Sinn stiftet, Sinn im Kleinen und Sinn im Großen, wenn es dem Leben etwas Bereichendes schenkt. Zum Beispiel Erkenntnisse, die vielen ihr Leben erleichtern, vor al-lem, was das Leben von vielen bereichert. Zum Beispiel alles, was zu Herzen geht, die große Dichtung und die viele Menschen beglückende große Musik. Hier reicht der Sinn weit über die Enge des persönlichen Lebens hinaus. Hier wird großer Sinn gestiftet. 
Zu diesem Sinn gehören auch die Wissenschaft und die Kunst, alles, was Menschen auf eine glückliche Weise verbindet und was dem Frieden zwischen ihnen dient. In diesem Sinne stiftet der Friede den tiefsten Sinn, einen bleibenden Sinn und ein Glück für viele.